Ärzte Zeitung, 09.05.2006

"Wir begreifen uns als Landhotel der Seele"

In Bergisch Gladbach ist mit den "Gärten der Bestattung" der bundesweit erste private Friedhof eröffnet worden

BERGISCH GLADBACH (dpa). Sprudelnde Bäche, plätschernde Brunnen und Skulpturen unter Schatten spendenden Bäumen - wer durch den kleinen Wald in Bergisch Gladbach bei Köln geht, bemerkt nicht sofort, daß er auf dem einzigen Privatfriedhof Deutschlands ist: in den "Gärten der Bestattung". "Wir sind der erste private Friedhof bundesweit, auf privatem Grund und in privater Trägerschaft - und wir begreifen uns als Landhotel der Seele", sagt Bestatter Fritz Roth.

Bestatter Fritz Roth sitzt inmitten seiner "Gärten der Bestattung" in Bergisch-Gladbach, wo er kürzlich den bundesweit ersten Privatfriedhof eröffnet hat. Foto: dpa

In dem 30 000 Quadratmeter großen Wald bestimmt der Hinterbliebene die Lage und die Gestaltung des Grabs sowie die Beisetzung zu einer beliebigen Tages- oder Nachtzeit selbst. "Frei von behördlichen Auflagen", wie Roth betont.

In seiner Trauerakademie können Angehörige und Freunde ohne jeden Zeitdruck Abschied nehmen und sind dabei niemals ohne Begleitung. "Jeder Tod ist wie ein Erdrutsch. Wir möchten Mut machen." Er wolle Tod und Trauer aus der "Sterilität von Totenkammern und Friedhofskapellen" herausholen in eine lebendige Umgebung, erklärt der Bestatter.

In Deutschland gibt es etwa 33 000 Friedhöfe

In Deutschland gibt es laut Bundesverband Deutscher Bestattungsunternehmen etwa 33 000 Friedhöfe. Seit wenigen Jahren sind sogenannte Friedwälder zugelassen, von denen es derzeit bundesweit ein Dutzend gebe, sagt Verbandssprecherin Kerstin Gernig. Auf offenen Waldstücken werden dabei kompostierbare Urnen mit Totenasche unter einem Baum vergraben.

Einen Grabstein gibt es nicht, auf Wunsch kann eine kleine Namenstafel am Baum angebracht werden. Dem Verband zufolge gelten die nicht abgegrenzten und nicht gestalteten Friedwälder streng rechtlich gesehen nicht als Friedhöfe, sondern als "Bestattungsplätze".

Die Zulassung des ersten Privatfriedhofs in Bergisch Gladbach sei eine Antwort auf die unterschiedlichen Wünsche der Menschen, sagt Gernig. "Es spiegelt wider, was sich an gesellschaftlichen Veränderungen mit hochgradigen Individualisierungs-Tendenzen abzeichnet." Die gesamte Branche habe sich auf die neuen Bedürfnisse eingestellt und sei im Wandel. "Bei der Beerdigung von Kindern steigen heute Luftballons auf, was vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre - oder dem Verstorbenen werden persönliche Grabbeigaben mitgegeben auf die letzte Reise."

"Es wird zu schnell und immer anonymer bestattet"

"Wir sollten nicht so distanziert mit dem Tod umgehen, ohne echtes Begreifen", sagt der 56jährige Roth. "Für den Hinterbliebenen kann es ein hilfreiches Ritual sein, dem Verstorbenen die Kleider anzulegen oder ihn mit in den Sarg zu betten." Es werde zu schnell und immer anonymer bestattet. Sein Unternehmen mit 24 Angestellten kümmert sich jedes Jahr um 800 Bestattungen, auch in Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main. Jährlich kommen 20 000 Besucher aus ganz Deutschland in seine Trauerakademie.

Seit der Genehmigung Anfang November 2005 sind in den "Gärten der Bestattung" 40 Gräber entstanden - meist schlicht gestaltet, an einem Bach oder Baum gelegen. Die Stadt sehe ihn nicht als Konkurrenten, sagt Roth. Bei seinen Preisen zwischen 350 Euro für ein Minigrab bis zu 2000 Euro für ein Familiengrab habe er sich an kommunalen Tarifen orientiert. "Dieser Friedhof soll für den Sozialamtsfall genauso da sein wie für den Prominenten."

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