Ärzte Zeitung, 26.09.2006

Außer Hörweite der Patienten - der Operationssaal unter dem Kirchendach

Ausgefallenes Museum in London / Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts

Von Heike Vogt

Schmuckloses Barockgebäude: Die St.-Thomas-Kirche in London war früher eine Hospitalkirche. Fotos: Heike Vogt

In einer ruhigen Seitenstraße hinter dem Bahnhof London Bridge im Herzen der britischen Hauptstadt liegt die St.-Thomas-Kirche, eines der medizingeschichtlich interessantesten Ausflugsziele Londons.

Das schmucklose Barockgebäude diente dem St.-Thomas-Krankenhaus, das es früher hier gab, als Hospitalkirche und beherbergt heute in luftiger Höhe ein medizinhistorisches Museum sowie den ältesten noch existierenden Operationssaal Großbritanniens.

Der aus dem Jahre 1822 stammende Saal mit Zuschauerrängen befindet sich in einzigartiger Lage im Dachstuhl der Kirche und war durch einen Wanddurchbruch direkt mit der Frauenstation verbunden.

Dieser praktische, aber ungewöhnliche Platz erklärt sich auch aus zeitgenössischen Operationsbedingungen. Da es vor 1847 keine Narkose bei Operationen gab, boten Eingriffe auf der Station den Patienten ein beunruhigendes Schauspiel.

Erschwerend kam hinzu, daß es angehenden Ärzten ab 1815 gesetzlich vorgeschrieben war, an Krankenhäusern Operationen zu beobachten. In Folge des eher hinderlichen Zuschauerandrangs wurde der Saal geschaffen - außer Hörweite, und mit mehr Platz für Publikum.

Unter dem Kirchendach wurden Heilpflanzen getrocknet

Unter dem Dach erstreckt sich ebenfalls ein großer Kräuterboden, der für das Trocknen und das Lagern von Arzneipflanzen ideale Belüftungsbedingungen bot. Heute sorgen von Kräuterbündeln umrahmte Schaukästen direkt unter dem Kirchengebälk für ein unvergeßliches Museumserlebnis.

Viel Platz für Zuschauer: Der Operationssaal wurde im Jahre 1822 unter dem Kirchendach eingerichtet. Bei den Operationen waren damals viele angehende Ärzte anwesend - das war für sie Pflicht.

Auch die ausgestellten Instrumente, Modelle und Präparate schlagen einen faszinierenden Bogen zur Vergangenheit. Besondere Aufmerksamkeit verdient eine kleine Sammlung von Blasensteinen, für deren Entfernung das Krankenhaus besonders unter William Cheselden im frühen 18. Jahrhundert berühmt wurde.

Cheselden, ein Pionier der Lithotomie, entfernte Blasensteine innerhalb von nur 45 Sekunden - äußerst günstig im anästhesiefreien Zeitalter, in dem sich, so ein Zeitzeuge, der Patient "auf seine Operation vorbereitete wie ein Verurteilter auf seine Hinrichtung".

Enge Wendeltreppen führten vom Krankenhaus zum Operationssaal in der Kirche.

Cheseldens Leben beleuchtet allerdings einen fragwürdigeren Aspekt des damaligen medizinischen Aufbruchs, an den durch Vorträge und Informationstafeln im Museum erinnert wird. Der Arzt aus Leicestershire, im Hauptberuf Anatom, wurde zu einem der vielen Wegbereiter des "body snatching", der organisierten Leichenfledderei. Mediziner, die im Namen der Wissenschaft Leichen sezierten, agierten zu jener Zeit am Rande der Illegalität.

"Body snatchers" stahlen Leichen aus den Friedhöfen

Zwar wurde eine geringe Zahl von Körpern exekutierter Krimineller ans medizinische Establishment weitergegeben. Aufgrund enormer Nachfrage formierten sich jedoch ab dem 17. Jahrhundert Gruppen von "body snatchers" oder "resurrectionists" ("Wiederaufersteher"), die in Einzelfällen halbe Friedhöfe leerstohlen. Cheselden selbst wurde eines nachts in seinem Wohnzimmer mit einem heimlich erworbenen Leichnam gestellt.

Die Gegend um London Bridge mit Hospitälern, Richtplätzen und Friedhöfen war das Revier einer der berüchtigtsten dieser Banden, der Borough Boys, die frisch Gestorbene oft buchstäblich aus deren Häusern raubten. Und auch Krankenhäuser waren nicht darüber erhaben, sich unter Mithilfe dieser dubiosen Gangs gegenseitig ihre Toten abzujagen. Um dem vorzubeugen, herrschte zwischen dem St.-Thomas-Krankenhaus und dem direkt gegenüberliegenden Guy’s Hospital ein regelrechtes gentlemen’s agreement: meine Toten, deine Toten.

Das Museum bietet ein wechselndes und anspruchsvolles Veranstaltungsprogramm zu Licht- und Schattenseiten der neuzeitlichen Medizin. Medizinhistoriker organisieren Diavorträge, gruselige Nachstellungen viktorianischer Operationen und auch kinderfreundliche Events, zum Beispiel Vorträge über Blutegel unter Anlegung der hauseigenen Sauger an die Kuratorin. Fremdsprachliches Material liegt aus, aber Englischkenntnisse sollte man mitbringen - ebenso wie Lust auf schmale Wendeltreppen.

The Old Operating Theatre Museum & Herb Garret, 9A, St. Thomas' Street, London SE1, U-Bahn: London Bridge. Preise und Öffnungszeiten im Internet unter: http://www.thegarret.org.uk/

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