Ärzte Zeitung, 12.06.2006

HINTERGRUND

Für das Deutsche Rote Kreuz bedeutet die Fußball-WM den größten Einsatz seiner Geschichte

Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes sind in den WM-Stadien präsent, um im Notfall rasch eingreifen zu können. Foto: DRK

Von Nils Wulff

Mit Superlativen wird zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft gern gearbeitet. Doch unbestritten befindet sich der Rettungsdienst und speziell das Deutsche Rote Kreuz in den nächsten Wochen in seinem größten Sanitätseinsatz. Das DRK hat von der FIFA den Auftrag zur notfallmedizinischen Versorgung und sanitätsdienstlichen Betreuung von Spielern, Zuschauern und Gästen erhalten. Etwa 5500 Rot-Kreuz-Helfer sind in den zwölf WM-Stadien tätig: 460 Notärzte, 1033 Rettungsassistenten, 970 Rettungssanitäter, 2943 Sanitäts- und Rettungshelfer sowie 77 Führungshelfer. Insgesamt sind nach DRK-Angaben bundesweit 35 000 Rotkreuzhelfer während der WM im Einsatz.

Für die Versorgung in drei Stadien - in Berlin, Hamburg und Hannover - hat die Organisation eine Kooperation mit dem Arbeiter Samariter Bund (ASB) vereinbart, der in diesen drei Stadien im Normalbetrieb der Bundesliga den Sanitätsdienst sicherstellt. Der ASB steuert 560 Helfer bei. Das Technische Hilfswerk ist mit 10 000 Helfern in den zwölf Stadienorten dabei, der Malteser Hilfsdienst mit über 2600 Helfern.

Darüber hinaus haben sich die Bundesländer mit weiteren Vorkehrungen auf Notfälle und Katastrophen vorbereitet. So wurden für die Behandlungsplätze bei den Stadien sogenannte Abrollbehälter angeschafft. Diese mobilen Großcontainer enthalten alle technischen und medizinischen Einrichtungen und ermöglichen es, daß auf dem Behandlungsplatz gleichzeitig bis zu 50 Verletzte in der Stunde versorgt werden können.

Die Bundeswehr stellt 2000 Sanitätssoldaten

Spiele des Tages

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Für die notfallmedizinische Versorgung steht auch die Bundeswehr bereit. Sie stellt allein 2000 Soldaten, die hauptsächlich als Sanitäter tätig sind. Außerdem werden zwei Großrettungshubschrauber bereitgehalten, die Verletzte im gesamten Bundesgebiet aufnehmen und versorgen können. Da im Austragungsort Kaiserslautern die Kapazitäten beschränkt sind, hat die Bundeswehr dort ein mobiles Rettungszentrum mit notfallchirurgischem Schwerpunkt für zwei Operationsteams errichtet. In Containern und Zelten stehen 40 Betten bereit, davon zwei Intensivbetten. Im Falle eines großen Schadensereignisses sollen auch niedergelassene Praxen einbezogen werden.

Joachim Müller, Leiter des extra für die WM eingerichteten Führungs- und Lagezentrums des DRK, hält den Aufwand für angemessen. Die Dimensionen seien im Vergleich zum Papstbesuch ganz andere, sagte Müller bei der Vorstellung des Zentrums. Bei der WM handele es sich um eine wochenlange Dauerveranstaltung für ein Millionenpublikum, die flächendeckend im gesamten Bundesgebiet stattfindet, und zwar nicht nur in Stadien, sondern auch auf vielen öffentlichen Plätzen.

Gleichwohl sieht Müller das DRK gut gerüstet. Die Organisation habe sich im Vorfeld an allen Katastrophenschutzübungen in den WM-Stadien beteiligt. Dort seien zur WM Kollegen mit viel Erfahrung und Ortskenntnis eingesetzt. Das ist auch notwendig, denn die Auflagen der FIFA sind streng. So müssen die Notfall-Helfer gewährleisten, daß sie innerhalb von vier Minuten bei den Zuschauern sind: mit kompletter Notfall-Ausrüstung, das heißt auch mit Sauerstoffgerät und Defibrillator.

Das DRK ist zudem verpflichtet, regelmäßig der FIFA Bericht über die Zahl der Betreuten und die Art der medizinischen Notfälle zu erstatten. Vom neuen Führungszentrum aus, in dem 35 Mitarbeiter aus allen Sachgebieten arbeiten, wird rund um die Uhr die Verbindung zum gemeinsamen Lagezentrum des Bundes und der Länder, zum WM-Organisationskomitee sowie in die Landes- und Kreisverbände gehalten. Dort werden auch Informationen gesammelt. In der Zentrale und in den Spielorten sind besondere Fahrzeuge geparkt, mobile Einsatzleitzentralen, mit denen die Einsatzleiter agieren können, falls der Strom ausfällt.

Mängel, die im Vorfeld der WM bei den Katastrophenschutz-Übungen sichtbar geworden sind, wurden nach Auskunft von Joachim Müller abgestellt. So habe man die physische Belastbarkeit der Helfer überschätzt. Viele seien schnell erschöpft gewesen, nachdem sie in kürzester Zeit Verletzte aus dem Stadion über die Ränge abtransportiert hatten. Das DRK habe deshalb die Helferzahl erhöht. "Außerdem wurde noch einmal über weitere Rettungswege nachgedacht, um möglichst viele Verletzte auf dem kürzesten Weg rauszuholen", so Müller.

Für Massenunfall mit 500 Verletzten kaum gerüstet

Wenn es zu einem Massenunfall mit 250 bis 500 Verletzten kommen würde, sieht Müller keine Probleme. Allerdings müßten Notärzte eine Sichtung vornehmen, welche Patienten Priorität hätten. Daher könne es sein, daß ein Leichtverletzter eine halbe oder eine Stunde warten muß. Kritischer sehe es bei einem Massenunfall mit mehr als 500 Geschädigten aus: Da müßten alle Register gezogen werden und die Einsatzleiter die Nerven behalten.

Die physische Belastbarkeit der Helfer wurde anfangs überschätzt.
     
   

Weniger zurückhaltend drückte sich der Kieler Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky aus. Bei Schadensfällen mit mehr als 500 Verletzten tauge der Katastrophenschutz nichts, sagte er. Es gebe zu wenige Betten für schwerstverletzte Brandopfer und zu wenige Spezialausrüstungen. Seiner Meinung nach mangelt es auch an der Einbindung der Krankenhäuser und einem optimalen Behandlungskonzept für eine Katastrophe mit vielen Verletzten.

Veranstaltungen außerhalb von Stadien bereiten größere Sorge

Sorgen bereiten allen Experten die Rahmenveranstaltungen außerhalb der Stadien. Es muß gesichert sein, daß die Rettungsfahrzeuge auch bei einer Panik zu den Verletzten vordringen können und nicht blockiert werden. Bei Stadien läßt sich das relativ exakt planen. Die öffentlichen Veranstaltungen sind jedoch keine wirklich planbare Größe: Denn niemand weiß, ob zehntausend oder hunderttausend Besucher kommen.

Lesen Sie auch:
Sind die WM-Stadien wirklich "die sichersten der Welt"?

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