Ärzte Zeitung, 18.09.2006

Wo Hippos und Affen Kinder zum Lachen bringen

Die kindgerechte Gestaltung von Stationen nimmt kleinen Patienten die Angst und läßt sie schneller gesunden

DETMOLD. Jeden Donnerstag nehmen im Mutter-Kind-Haus (MuKi) am Klinikum Detmold die "MediClowns" das Stethoskop in die Hand. Bei der morgendlichen Visite wird eine Lachträne nach der anderen verdrückt. Selbst Chefarzt Dr. Klaus Wesseler wird einer "Behandlung" unterzogen. "Es sind solche kleinen Dinge, die dazu beitragen, daß sich Kinder im Krankenhaus wohler fühlen und auch hier lachen können", sagt Wesseler.

Zwei Hippos beobachten das bunte Treiben auf der neu gestalteten Station der Kinder- und Jugendklinik in Detmold. Foto: Klinikum Detmold

Von Thomas Hommel

Seit 20 Jahren leitet der Pädiater die Kinder- und Jugendklinik in Detmold. Seither ist viel erreicht worden - unter anderem die Fertigstellung einer weiteren Etage im MuKi. Etwa 1,2 Millionen Euro wurden in den Bau 23 neuer Einzelzimmer investiert.

Die komplette Etage ist kindgerecht gestaltet: Wie ein langer Fluß schlängelt sich der bunte Fußboden durch die Flure, nur unterbrochen durch kleine Inseln zum Spielen. Die Krankenzimmer sind in hellen Pastellfarben angestrichen. Papageien, Elefanten und andere Tiere zieren die Türen. An den Wänden tanzen Affe "King Lui" und Bär "Balu" - die Helden aus dem "Dschungelbuch".

Im Spielbereich steht eine große Holzburg mit Höhlen und Rutsche. Zwei Hippos beobachten das bunte Treiben. Unter einem blauen Stoffhimmel hängt ein Original-Ballonkorb, der über dem Boden schwebt und seinen Passagieren die Möglichkeit zum "Abheben und Träumen" gibt. Eine Sitzecke mit einem Holzregal voller Kinderbücher sorgt für Lese- und Malvergnügen. Auch die Toiletten sind bunt.

In keinem der Krankenzimmer wird vor anderen Kindern Blut abgenommen. "Dafür gibt es einen eigenen Untersuchungsraum", so Wesseler. Weil eine Spritze auch mal schmerzhaft piksen kann, wird erst ein Betäubungspflaster auf die Haut getan. Alle Untersuchungen werden den Kindern erklärt. Außerdem organisiert die Klinik regelmäßig Kindergartenführungen, um bereits gesunden Kindern die Angst vorm Krankenhaus zu nehmen. Der Ertrag solcher Aktivitäten sei groß, meint der Chefarzt.

"Im nächsten und weiteren Umkreis der Klinik hat sich unter Eltern und einweisenden Ärzten herumgesprochen, daß in dieser Klinik alles für kleine Patienten getan wird."

Daß dies längst nicht an allen Kliniken Deutschlands der Fall ist, kritisiert Bodo Gentsch, Vorsitzender des Vereins "Die kleinen Patienten" in Bonn. Gemeinsam mit einer Designerin und einer Illustratorin berät der 67jährige Pensionär Kliniken bei der Gestaltung ihrer Räumlichkeiten. 24 Stationen und Ambulanzen haben mit seiner Unterstützung bereits ein freundlicheres Gesicht bekommen.

Der Verein finanziert sich ausschließlich über private Spenden. "Trotz jahrelanger Bemühungen wurde uns kein einziger Cent aus Steuermitteln bewilligt." Bei der Vergabe von Budgets im Gesundheitswesen, meint Gentsch, herrsche ein Wettbewerb zwischen Geriatrie und Pädiatrie.

"Das Ergebnis kann auf vielen Kinderstationen unserer Krankenhäuser besichtigt werden." Dabei gibt es etliche Gründe, eine Kinderstation in eine "Oase des Wohlfühlens" zu verwandeln. "In einem kindgerechten Umfeld fühlen sich Kinder besser aufgehoben, sie werden schneller gesund und können mitunter früher nach Hause."

Mehr Kinderfreundlichkeit in Krankenhäusern wünscht sich auch Professor Rainer Rossi, Direktor der Vivantes-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin. "Entscheidend ist, daß bei einem stationären Aufenthalt immer ein Elternteil dabei ist." In-Rooming sei zum Qualitätskriterium geworden. "Hinter diesen Standard kann keine Kinderklinik mehr zurück." Die Krankenkassen würden die Kosten für den Aufenthalt eines Elternteils von Kindern im Alter bis zehn inzwischen voll übernehmen. "Das ist ein Riesenschritt".

Geprüft werden müsse aber, ob die Regelung nicht auch für ältere Kinder gelten muß. "Ein 13jähriger kann ebenso wie ein Siebenjähriger großen Bammel haben, wenn er im Krankenhaus liegt." Rossi schlägt vor, daß Kinder, die älter als zehn sind, individuell entscheiden sollten, ob sie in Begleitung in die Klinik möchten. Grundsätzlich gilt für ihn: "Jedes kranke Kind bis zum 16. Lebensjahr gehört in eine Kinderklinik."

Infos im Web: www.mediizity.de und www.diekleinenpatienten.de

STICHWORT

Kinder im Krankenhaus

Etwa 1,5 Mio. Kinder werden pro Jahr in Deutschland zur Behandlung ins Krankenhaus überwiesen. Häufigste Ursache sind Mandelentzündungen, gefolgt von Verletzungen des Kopfes sowie Infektionskrankheiten des Magen-Darmtraktes. Drei bis vier Tage verweilen die Kinder im Schnitt. Für die kleinen Patienten stellt der Klinikaufenthalt meist eine große psychische und physische Belastung dar. Eine kindgerechte Gestaltung, die sich an Wünschen und Bedürfnissen kleiner Patienten orientiert, kann solche Ängste nehmen. Experten raten, daß Kinder bis zum 16. Lebensjahr auf einer Kinder- und nicht auf einer Erwachsenenstation versorgt werden sollten. (hom)

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