Ärzte Zeitung, 19.09.2006

Historischer Kriminalfall mit Spätfolgen

Heute vor 15 Jahren entdeckte ein Nürnberger Bergsteigerpaar in den Ötztaler Alpen eine Gletschermumie: "Ötzi"

ROM/BOZEN (dpa). Er ist der älteste Mensch, der es je auf die Titelseite des US-Nachrichtenmagazins "Time" schaffte: "The Iceman's Secrets", prangte dort im Herbst 1992 in großen Lettern, darüber der zerschundene Kopf einer 5300 Jahre alten Mumie: "Ötzi". Ein Jahr zuvor hatte das Nürnberger Ehepaar Erika und Helmut Simon den Eismann bei einer Wanderung in den Ötztaler Alpen entdeckt. "Ich hab was Braunes rausschauen sehen", erinnerte sich der Franke später an den spektakuläre Fund heute vor 15 Jahren.

Die Mumie, die später den Namen "Ötzi" erhielt, wurde von dem deutschen Bergsteigerehepaar Simon auf dem Südtiroler Similaungletscher gefunden. Foto: dpa

Seither machten Wissenschaftler Gen-Tests an der Gletscherleiche, wurden Prozesse über den Finderlohn geführt, tauchten Gerüchte über den "Fluch der Mumie" auf. Selbst letzteres verwundert kaum: Immerhin sechs Menschen, die irgendwie im Zusammenhang mit "Ötzi" standen, sind mittlerweile ums Leben gekommen. Unter anderen auch Helmut Simon, der 2004 nach einem Lawinenunglück tot in einem Gebirgsbach in den österreichischen Alpen gefunden wurde.

Ebenso der Urgeschichtler und "Ötzi-Ziehvater", Konrad Spindler, der Anfang 2005 im Alter von 66 Jahren in Innsbruck starb. Spindler war lange einer der Hauptverantwortlichen bei der wissenschaftlichen Arbeit an der Mumie.

Anfangs wurde angenommen, "Ötzi" sei vor 100 Jahren gestorben. Wenig später schätzten Forscher, daß er im Mittelalter lebte. Schließlich entdeckten Gerichtsmediziner, daß die Leiche aus der Kupferzeit stammt, also aus der Zeit um 3000 vor Christus - eine Weltsensation.

War "Ötzi" Österreicher, oder stammt er aus Italien?

Doch dann begann der Streit: War der Mann Österreicher oder Italiener? Immerhin wurde er an der Grenze zwischen den beiden Ländern gefunden. Geschwächt, mit Rippenbrüchen und von einem Pfeil getroffen legte er sich - so ergaben Messungen - etwa 90 Meter von der Grenze entfernt auf heute italienischem Gebiet zur letzten Ruhe.

Nach langen Untersuchungen in Innsbruck wurde der Mann aus dem Eis schließlich 1998 nach Bozen gebracht, wo er seither bei minus sechs Grad Celsius und bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent in einer Kühlzelle des Archäologischen Museums liegt.

Vieles konnte geklärt werden, aber vieles aus "Ötzis" Leben liegt noch im Dunkeln. Als sicher gilt, daß der "Homo tirolensis" mit etwa 47 Jahren starb - für steinzeitliche Verhältnisse ein geradezu methusalemhaftes Alter. Er hatte Blutspuren an den Händen, die nicht von ihm selbst stammen. Forscher sprachen von einem "historischen Kriminalfall". Als Kleidung trug er grasgefüllte Schuhe aus Bärenleder, eine Mütze und einen Fellmantel sowie eine Art Leggings aus Pelz. Zudem hatte er eine Axt sowie Pfeil und Bogen dabei.

Sein Gesundheitszustand war wohl ohnehin schon bedenklich: Der Mann hatte Arthritis und verkalkte Adern, Rippenbrüche, Würmer, Durchfall und schwarze Lungen vom Rauch offener Feuer. Auch die Zähne des nur 1,60 Meter großen "Frozen Fritz" - wie "Ötzi" im angelsächsischen Raum heißt - waren schlecht. Aber viele Fragen bleiben: Warum hat er so viele Tätowierungen? Warum mußte er sterben, von einem 21 Zentimeter langen Pfeil in seiner linken Schulter getroffen?

Inzwischen gibt es sogar ein "Ötzi"-Musical

Auch 15 Jahre nach dem Sensationsfund blüht das Geschäft mit der Gletschermumie. In Seefeld/Tirol gibt es ein "Ötzimuseum" mit der auf 1700 Meter gelegenen "Ötzihütte", die Besuchern ein Panoramarelief der Fundszene und eine täuschend echte Nachbildung von "Ötzi" bietet.

Im Schnalstal können Interessenten mit dem "Ötzi-Express" Fahrten ins Ewige Eis unternehmen und in der "Ötzi Show Gallery" auf Tafeln und Bildern Einblicke in das Leben während der Kupferzeit bekommen. Und natürlich gibt es auch "Ötzi"- Miniaturen, "Ötzi"-Briefmarken, "Ötzi"-T-Shirts und inzwischen sogar ein "Ötzi"-Musical: "Frozen Fritz".

STICHWORT

"Ötzis" rätselhafter Tod

"Ötzi" ist neuen Forschungen zufolge innerhalb weniger Minuten verblutet. Der 47jährige Mann wurde von hinten von einem Pfeil getroffen und starb auf der Stelle, wie das in Hamburg erscheinende Magazin "National Geographic Deutschland" berichtet. "Die Pfeilspitze durchschlug das linke Schulterblatt und traf die Hauptschlagader, die den Arm versorgt", sagte der Bozener Pathologe Eduard Egarter-Vigl. "Jemand mit so einer Verletzung geht keinen Schritt mehr. Er verblutet innerhalb weniger Minuten." Egarter-Vigl hat die Mumie per Computertomographie untersucht.

Über den Tod des Mannes kursieren verschiedene Theorien - bis hin zur rituellen Opferung. "Ötzi" wurde etwa 47 Jahren alt. Er hatte Spuren fremden Blutes an den Händen. In seiner linken Schulter steckte ein 21 Zentimeter langer Pfeil. (dpa)

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