Ärzte Zeitung, 17.10.2006

"Tödliche Medizin" - von der Theorie der Eugenik bis zur praktizierten "Endlösung"

Deutsches Hygiene-Museum zeigt Ausstellung des Holocaust-Museums in Washington

Von Brigitte Düring

Das Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zeigt in diesem Herbst bis zum 24. Juni kommenden Jahres die Sonderausstellung "Tödliche Medizin, Rassenwahn im Nationalsozialismus". Die Exposition wurde vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., erarbeitet. Das Washingtoner Haus präsentiert sie jetzt erstmals außerhalb Nordamerikas in Deutschland, Bundespräsident Horst Köhler hat die Schirmherrschaft übernommen.

Ein Mann blickt in der Ausstellung "Tödliche Medizin" im Hygiene-Museum in Dresden auf ein Plakat zum Rassenwahn. Fotos: dpa (2)/ddp (2)

Im ersten Teil informiert die Ausstellung über die Eugenik in der Weimarer Republik und die internationale Eugenik-Bewegung. Der zweite Teil zeigt, wie nach der Machtübernahme Hitlers 1933 bis 1939 die Ideen der Eugenik - was soviel wie "wohlgeboren" bedeutet - in kaum vorstellbarer Weise in nationalsozialistische Gesundheits- und Rassenpolitik umgesetzt wurden. Der dritte Themenblock "Endlösungen" schildert die tödlichen Konsequenzen dieser Politik ab 1939.

Über den alltäglichen Rassismus im Nationalsozialismus informieren historische Plakate und Schautafeln.

In den USA haben 720 000 Besucher die Ausstellung gesehen. "Die Resonanz bei uns war riesig. Viele Besucher zogen Parallelen zur heutigen Auseinandersetzung mit der anwendungsorientierten Genforschung", berichtete Sara J. Bloomfield, Direktorin des Holocaust Memorial Museum, bei der Eröffnung der Ausstellung in Dresden. "In Amerika führen wir eine sehr lebhafte Diskussion über medizinische Ethik. Viele Besucher sagten uns, sie verstehen erst durch die Ausstellung, worüber gestritten wird", so Bloomfield.

"Wir können uns mit der Ausstellung nicht freikaufen"

Daß in Deutschland gerade das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden als Ausstellungsort in Frage kam, ist kein Zufall. "Wir haben die Übernahme vor dem Hintergrund der Geschichte unseres Hauses initiiert, das während des Nationalsozialismus die rassenhygienischen Programme vorbehaltlos unterstützt und propagiert hat", sagte Direktor Klaus Vogel. "Wir denken nicht, wir könnten uns mit der jetzigen Ausstellung freikaufen." Das Hygiene-Museum werde seiner Verstrickung in die NS-Propaganda eine eigene Schau widmen, kündigte Vogel an.

In der Ausstellung "Tödliche Medizin" sind kaum "spektakuläre" Objekte zu sehen. Sie ist eher sparsam in den Mitteln - Großfotos, Filme, Zitate, banale Gegenstände wie etwa ein leeres Kinderbett, ein Schreibtisch mit Akten, an dem Mediziner über Tod oder Leben entschieden, oder Menschen in Heimen. Immer wieder wird der Blick der Besucher auf die Opfer und ihre Schicksale gelenkt.

"Herren-Menschen" und "Unter-Menschen": Eine Besucherin betrachtet ein Ausstellungsplakat. Geschnitzte Köpfe stellen Juden dar. Auch das Hygiene-Museum war in die NS-Propaganda verstrickt.

Gläserner Mensch als Symbol der Perfektion

Zuerst trifft der Besucher auf den gläsernen Menschen aus den Werkstätten des Hygiene-Museums. Damals eine Sensation, die im In- und Ausland bestaunt und in den 30er Jahren von NS-Funktionären als Symbol für den perfekten Menschen instrumentiert wurde. Zum Thema Eugenik in der Weimarer Republik wird durch die Gegenüberstellung junger Kriegskrüppel und Kranker sowie Pflegebedürftiger in Anstalten rasch klar, warum nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg rassenhygienische Ideen erstarken konnten.

Eugeniker kritisierten, daß moderne Medizin und aufwendige Wohlfahrtsprogramme für die Erhaltung und Fortpflanzung "Kranker und Schwacher" sorgen, während "gesunde und kräftige Bevölkerungsgruppen" zu wenig Nachwuchs zeugten. Sie propagierten Steuervergünstigungen für "wertvolle" Familien und Maßnahmen wie die Sterilisation für "minderwertige" Menschen.

Dabei erfährt der Besucher, daß die deutsche Eugenik Teil einer weltweiten Bewegung war. Deutsche Verfechter der Eugenik beriefen sich auf 16 000 dokumentierte Sterilisationen an psychisch Kranken in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Während in den USA und in Europa Kritik daran zunahm, sorgte in Deutschland der NS-Polizeistaat dafür, daß Kritiker verstummten.

In den Abschnitten "Der biologische Staat" und "Endlösung" werden Ärzte und Wegbereiter der Massensterilisationen und -vernichtung zitiert. Etwa der Psychiater und Mitbegründer der deutschen Rassenhygiene Dr. Ernst Rüdin oder Dr. Otto von Verschuer, Zwillingsforscher, verantwortlich für den Tod vieler Kinder durch medizinische Experimente, und viele andere.

"Zehn Gebote zur Gattenwahl"

Wie sich erbgesundheitliches Gedankengut nach 1933 rasch verbreitete, dokumentieren Propagandaschriften zur Erbgesundheit, Erbgesundheitsstatistiken, Ahnenpässe, die "Zehn Gebote zur Gattenwahl", Dokumente aus Gerichtsverhandlungen und NS-Gesetze. Instrumente, Praxisschilder, Biographien illustrieren, wie über 2500 jüdische Ärzte ihre Existenz und in den KZs ihr Leben verloren.

Fotos und Dokumente berichten von der als "Gnadentod" deklarierten Kindereuthanasie und den Gasmorden der Aktion T4. Die Ermordung von Roma und Sinti und das Vernichtungsprogramm gegen die europäischen Juden werden mit wenigen Texten durch Fotos, Filme und Zeitzeugenberichte dargestellt. Die Ausstellung endet mit den Nachkriegskarrieren der beteiligten Ärzte, von denen viele unbehelligt blieben.

Begleitprogramm zur Rassenwahn-Ausstellung

Veranstaltungen, Work-Shops und Seminare begleiten bis Mitte 2007 die Ausstellung "Tödliche Medizin - Rassenwahn im Nationalsozialismus" im Hygiene-Museum.

Am 25. Oktober findet ein deutsch-amerikanischer Dialog statt über Strategien gegen Rechtsradikalismus und Rassismus. Am 27./28. Oktober folgt eine Tagung zum Thema "Die Ambivalenz des Menschenmöglichen im 20. Jahrhundert". Zur Frage "Was ist das Leben wert? Ethik und Ökonomie" gibt es in Köln und Berlin eine Diskussionsreihe, die der Deutschlandfunk, das Hygiene-Museum und die DKV-Krankenversicherung bestreiten, auch BÄK-Präsident Professor Jörg-Dietrich Hoppe hält in diesem Rahmen einen Vortrag.

Das historische Institut der TU Dresden und die Landeszentrale für politische Bildung bieten eine Ringvorlesung unter dem Titel "Tödliche Medizin, von der Rassenhygiene zum Massenmord" an (Oktober 2006 bis Januar 2007). Ethische Konflikte der modernen Medizin beleuchtet eine Vortragsreihe der Landesärztekammer und des Bildungswerkes Weiterdenken der Heinrich-Böll-Stiftung am 28. Februar 2007. (dür)

Infos zum gesamten Programm: www.dhmd.de/tm-programm

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