Ärzte Zeitung, 20.10.2006

Seine Berufswahl Arzt sah Schnitzler später als Dummheit

Vor 75 Jahren starb der bedeutendste österreichische Medizinschriftsteller / Immer wieder Ärger mit der Zensur

Von Friedrich Hofmann

"Nach wie vor blieb ich dem Studium der Medizin dankbar dafür, daß es mir den Blick geschärft und die Anschauung geklärt hatte", notierte Arthur Schnitzler in seiner Autobiographie "Jugend in Wien". Doch gleich im zweiten Halbsatz schränkte er ein: "Daß ich sie aber als Beruf gewählt, sah ich vor allem mit Rücksicht auf meine hypochondrischen Anlagen als eine arge und leider nicht wiedergutzumachende Dummheit an." Vor 75 Jahren ist Schnitzler, der bedeutendste österreichische Medizinschriftsteller, gestorben.

Sah sich wegen seiner Werke immer wieder Anfeindungen ausgesetzt: Arthur Schnitzler. Fotos: Keystone/dpa Schnitzler war 69 Jahre alt, als er an den Folgen einer Hirnblutung starb. Die Greuel der Nazizeit blieben ihm erspart.

Bereits mit 24 Jahren hatte er als Lyriker und Erzähler debütiert und mit 26 als Dramatiker: Sein Lustspiel "Das Abenteuer seines Lebens" wurde später am renommierten Theater in der Josefsstadt uraufgeführt. Zu dieser Zeit verkehrte der Autor bereits in den Wiener Literatenzirkeln etwa mit Hugo von Hofmannstal und Karl Kraus. Die Medizin, der er sich als Sohn des prominenten Laryngologen und Direktors der Allgemeinen Wiener Poliklinik, Johann Schnitzler, nolens volens verschrieben hatte, betrieb er zu dieser Zeit nicht neben-, sondern hauptberuflich.

Zunächst deutet alles auf eine medizinische Karriere hin

Am 15. Mai 1862 in Wien als Sproß einer bekannten jüdisch-deutschen Familie zur Welt gekommen, studierte er dort ab 1879 Medizin. 1885 wurde er zum Dr. med. promoviert und trat wenig später in das Allgemeine Krankenhaus als Assistenzarzt ein.

Zunächst deutet bei ihm alles auf eine medizinische Karriere hin, vor allem als er in der "Internationalen Klinischen Rundschau" eine vielbeachtete Arbeit "Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion" publiziert. Kurz vor seinem 31. Geburtstag stirbt der Vater. Schnitzler muß die Krankenhaustätigkeit aufgeben und sich als Privatarzt niederlassen.

In der Folge hat er wegen seiner Stücke immer wieder Ärger mit der strengen Zensur in Österreich wie in Deutschland: So wird ihm 1901 der Offiziersrang aberkannt, weil er in der Novelle "Leutnant Gustl" das Ansehen der Armee beleidigt habe. 1904 wird in Deutschland die Buchausgabe des "Reigen" verboten und 1922 der Einakter "Haus Delorme". Nach einem Tumult während einer Aufführung des "Reigen" in Wien verbietet die Polizei weitere Aufführungen. Im selben Jahr kommt es in Berlin zur Anklageerhebung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gegen Direktion, Regisseur und Schauspieler des Kleinen Schauspielhauses (die allerdings mit einem Freispruch endet).

Hintergrund der Skandale ist die oft sehr freizügige Schilderung des Zusammenhangs zwischen Psyche und Sexualität in Schnitzlers Werk. In einer starr gegliederten bürgerlichen Gesellschaft will man von den seelischen Abgründen, in die man dank Schnitzlers Meisterschaft blickt, nichts wissen.

In Sigmund Freud hingegen findet Schnitzler einen Bewunderer: "Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewußten", schreibt Freud, "von der Triebnatur des Menschen... das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührte mich mit einer unheimlichen Vertrautheit."

Schnitzler bekannte sich offen zu seinem Judentum

Hinzu kommt Schnitzlers Judentum, zu dem sich der Autor ausdrücklich bekennt: "Es war nicht möglich", schreibt er, "insbesondere für einen Juden, der in der Öffentlichkeit stand, davon abzusehen, daß er Jude war, da die andern es nicht taten, die Christen nicht und die Juden noch weniger. Man hatte die Wahl, für unempfindlich, zudringlich, frech oder für empfindlich, schüchtern, verfolgungswahnsinnig zu gelten..."

In der Rückschau war es für Schnitzler - anders als für seinen Bruder (gest. 1939) und seine Schwester (gest. 1953) - fast ein Segen, daß sein Leben vor Beginn des "Dritten Reichs" zu Ende ging. Am 21. Oktober 1931, ist er in seiner Heimatstadt an den Folgen einer Gehirnblutung gestorben. Beigesetzt wurde er auf dem Zentralfriedhof neben seinem Bruder, dem chirurgischen Universitätsprofessor Julius Schnitzler.

Arthur Schnitzler als Mediziner

Zeit seines Lebens beschäftigte sich Arthur Schnitzler mit der medizinischen Psychologie, mit Psychoanalyse und Hypnose. In seiner Autobiographie "Jugend in Wien" notierte er: "Vom ärztlichen Standpunkt die erfreulichste Leistung war es gewiß, wenn ich zum Beispiel, ohne mein Medium in Schlaf zu versetzen, einfach durch Aufforderung partielle Anästhesie herbeizuführen vermochte, so daß schmerzlose kleine Operationen in Kehlkopf und Nase, in einem Fall sogar schmerzlose Zahnextraktionen, möglich wurden."

Wie sehr bei Schnitzler Medizin und Literatur ineinander übergehen, zeigt neben dem Einakter "Paracelsus" oder der "Traumnovelle" auch die 1894 publizierte Novelle "Sterben": Inspiriert dazu hatten ihn die eigenen Erfahrungen mit der wichtigsten Berufskrankheit im Gesundheitsdienst der damaligen Zeit, der Tuberkulose. "Seit Beginn des Jahres etwa hatte sich an meiner linken Halsseite eine Lymphdrüse bemerkbar gemacht, die allmählich und doch verhältnismäßig rasch fast bis zu Kindsfaustgröße anschwoll", hatte er dazu geschrieben. Meisterhaft schildert Schnitzler in "Sterben" die unheimlichen, eher schleichenden Veränderungen in der Persönlichkeit eines an Tuberkulose leidenden Patienten. (FHV)

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