Ärzte Zeitung, 30.10.2006

TV-KRITIK

"Ich stelle mich" - für Ulla Schmidt offenbar kein Problem

Eine Frau in der Mitte einer Arena tritt allein gegen zwei versierte Fernsehmoderatoren und 180 Zuschauer an. Zunächst sah es so aus, als hätte sich Ulla Schmidt in der Sendung "Ich stelle mich" (Donnerstagabend in der ARD) in die Höhle des Löwen begeben, doch am Ende der Sendung hatte sie diese eher in einen Streichelzoo verwandelt.

Dafür gab es vor allem zwei Gründe, die ihr bei aller Kritik an ihren politischen Entscheidungen, das Politikerleben an sich erleichtern dürften. Sie neigt nicht zur nervtötenden Besserwisserei eines Edmund Stoiber oder Friedrich Merz. Und ihre rheinische Herkunft trägt vielleicht mit dazu bei, daß sie offen und unverkrampft mit Menschen kommunizieren kann.

Wenn sie bei Fragen zu Einzelfällen nicht weiterwußte, versicherte sie glaubhaft, nach der Sendung das Gespräch mit den Betroffenen zu suchen und sich ihrer Probleme anzunehmen. Damit konnte sie punkten - der Applaus war der beste Beweis.

Angesichts der harschen Kritik an der Reform, über die alle Medien seit Wochen berichten, war es ohnehin erstaunlich, wie oft sie den Applaus für sich verbuchen konnte. Dabei half ihr, daß sich die Moderatoren Inka Schneider und der in der Gesundheitspolitik durchaus versierte Chefredakteur des WDR Jörg Schönenborn, weitgehend mit kritischen Fragen zurückhielten.

Hauptsächlich kamen die Gäste zu Wort, und mit denen hatte Ulla Schmidt meist leichtes Spiel. Etwas in die Bredouille geriet die Ministerin nur, als ihr das Beispiel eines Hamburger Hautarztes vorgeführt wurde, der in einem Arbeiterstadtteil praktiziert. Er sieht für sich dort kaum noch eine Zukunft, weil es keine Privatpatienten gibt und wirtschaftliches Arbeiten deshalb kaum möglich ist.

"Was passiert, wenn immer mehr Ärzte solche Stadtteile verlassen, haben wir dann nicht eine Zwei-Klassen-Medizin?", fragt der Arzt. Doch die Beantwortung der Frage bleibt Ulla Schmidt erspart, der Moderator möchte, daß noch andere Zuschauer zu Wort kommen.

Insgesamt hatte das Format der Sendung etwas wohltuend Altmodisches. Es gab keine dramatischen Effekte, keine Einspieler, die auf die Tränendrüse drückten, keine von ihrer eigenen Wichtigkeit aufgeputschten Journalisten, sondern nur kurze Erklärstücke und konkrete Zuschauerfragen. So mußte Ulla Schmidt gar nicht mit Löwen kämpfen, die Raubtiere blieben an diesem Abend handzahm. Christiane Badenberg

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