Ärzte Zeitung, 22.01.2007

Wo es an Babys mangelt, müssen die Alten jung bleiben

ZDF-Dreiteiler "Aufstand der Alten" entfacht eine neue Debatte über das Altern

Im Jahr 2030 gibt es Spezialgefängnisse für Alte, das Berliner Schiller-Theater dient als Notunterkunft für obdachlose Rentner, und wer älter als 75 ist, kann sich in Euthanasiezentren kostenlos beraten lassen: Das sind die düsteren Visionen, die der ZDF-Dreiteiler "2030 - Aufstand der Alter" (letzter Teil: morgen um 20.15 Uhr) ins Bild setzt.

"Aufstand der Alten": Das Berliner Schillertheater ist im Jahre 2030 ein Obdachlosenasyl für verarmte Rentner. Foto: ZDF

Die Deutsche Hospizstiftung hält diese Vorstellung keineswegs für abwegig. Der Film zeige in überzogenen Bildern eine ernst zu nehmende Tendenz auf, sagte der geschäftsführende Vorstand der Hospizstiftung, Eugen Brysch. Schon heute machten sich Politiker Gedanken, wie an den Alten in der Gesellschaft gespart werden könne. In diesem Zusammenhang werde auch über Altersgrenzen bei der medizinischen Versorgung nachgedacht, so Brysch, der vor Legalisierungstendenzen bei der aktiven Sterbehilfe und dem assistiertem Suizid warnte.

Regisseur Clint Eastwood, 76, gewann gerade den Golden Globe. Fotos: dpa

Boxer George Foreman, 58, wollte mit 55 Jahren noch mal in den Ring steigen.

Auch Bevölkerungsforscher halten die im ZDF-Film dargestellten Szenarien für möglich. Professor Herwig Birg, Demograf an der Universität Bielefeld, fordert drastische Maßnahmen, um aus der, wie er es nennt, "Altersfalle" doch noch herauszukommen.

Vor allem plädiert er dafür, weitere Anreize zu schaffen, damit die Bundesbürger wieder mehr Kinder in die Welt setzen. "Schon heute schafft man es nicht, die Defizite der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung zu beseitigen", erklärte er kürzlich in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und schob die Frage nach: "Warum soll das zu bewältigen sein, wenn die demografisch bedingten Lasten noch zunehmen?"

Die britische Königin Elizabeth II., 80, ist noch keineswegs amtsmüde.

Autor Martin Walser, 79, veröffentlichte gerade seinen Roman "Angstblüte".

Sein Kollege James Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hält den "Aufstand der Alten" zwar in Teilen für unrealistisch, begrüßt jedoch die dadurch entfachte Diskussion. "Es muss normal werden, auch im Alter zu arbeiten und sich zu bilden", verlangt er in der "FAZ".

Das erfordere ein radikales Umdenken in der Bevölkerung. Kein anderes Land habe so viel Angst vor dem demografischen Wandel wie Deutschland, so Vaupel. Außerdem bekämen die Älteren in Zukunft nicht weniger, sondern mehr Macht.

Schauspieler Johannes Heesters, 103, trainiert noch täglich an den Geräten.

Gitarrist Keith Richards, 63, geht mit den Stones weiter auf Tour.

Politiker begrüßten die neu entflammte Debatte. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) beklagt, dass Politiker die demografische Entwicklung lange Zeit zu wenig beachtet haben. Dennoch sei es für eine Kehrtwende nicht zu spät.

Findelkind Emelie war so begehrt, dass es Dutzende Bürger adoptieren wollten.

So sollten junge Menschen darin unterstützt werden, ihren Kinderwunsch umzusetzen, und Zuwandererkinder in die Lage versetzt werden, ihr Potenzial besser zu entfalten. Von der Leyen: "Wir werden sie brauchen."

Kritik am "Aufstand der Alten" kam von Vertretern der Partei Die Grauen/Graue Panther. Der Film verletze die Menschenwürde, sagte der Bundes-Vize Dieter Meyer im Saarländischen Rundfunk. So verunglimpfe der Film, in dem ein Terroristen-Kommando "Zornige Alte" Anschläge verübt und Menschen entführt, Rentner als Räuber, Verbrecher und Mörder. (Smi)

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