Ärzte Zeitung, 29.01.2007

Hausärzte spielen Sheriff und Bandit

Bei einer Fortbildungsveranstaltung in Heidelberg erfahren Kollegen, wie sie Humor in ihre Praxis bringen

Von Marion Lisson

Da stehen sie und lachen sich schief. Hausärzte und Arzthelferinnen spielen in Zweiergrüppchen Sheriff und Bandit. Die einen ziehen den imaginären Colt, die anderen heben um Erbarmen flehend die Arme. Superschnell laufen die Bewegungen ab.

Wer den Colt zieht, bleibt dem Zufall überlassen. Der andere soll nur entsprechend reagieren. Die Folge sind Fehlversuche, bei denen prompt beide Kontrahenten entweder mit erhobenen Händen oder gezogener Knarre dastehen. Das sieht albern aus und macht Riesenspaß.

"Hände hoch!" - Zwei Fortbildungsteilnehmer albern herum und haben großen Spaß dabei. Foto: mm

Es ist Workshop-Zeit beim 5. Tag der Allgemeinmedizin in Heidelberg. Die Veranstaltungen über Evidence Based Medicine oder das Forum Qualitätsmanagement finden in anderen Zimmern statt. In Raum 725 der Medizinischen Uniklinik heißt das Thema "Humor in der Praxis".

Gehören Humor und Krankheit zusammen?

Die kleine Spieleinlage ist vorbei. Alle Workshopteilnehmer sitzen wieder auf ihren Stühlen. Nicht jeder von ihnen ist sicher, ob die zwei Komponenten "Humor und Krankheit" oder gar "Humor und Sterben" zusammengehören.

"Von einem Arzt wird doch ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit erwartet", gibt eine Allgemeinärztin aus Nordbaden zu bedenken. "Ich habe Angst bei zu lockeren Umgangsformen meine Autorität als Mediziner zu verlieren", gesteht ein anderer Teilnehmer. Es könne doch auch sein, dass sich Angehörige und Patienten nicht ernst genommen fühlten, warnt ein Hausarzt neben ihm.

"Schaffen Sie für Ihre Patienten ein Klima zum Wohlfühlen!"

Globo, alias Alfred Gerhards, wischt die Bedenken beiseite. "Zeigen Sie Humor, schaffen Sie für Ihre Patienten ein Klima, in dem diese sich wohl fühlen und entspannen können", lautet seine Botschaft. Der kleine Mann mit dem grellroten Polohemd nennt sich "Humorberater". 20 Jahre lang war Globo als Clown, Komiker und Pantomime unterwegs. Jetzt berät der 55-jährige sowohl Wirtschaftsmanager als auch Ärzte.

Der Workshop ist ausgebucht. Es ist ein Fortbildungsangebot, das aus dem Rahmen fällt. Professor Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung an der Uni Heidelberg, ist sich dessen bewusst. "Manchmal wird bei Ärzten und Praxismitarbeitern beklagt, dass es nichts mehr zu lachen gibt. Mit unserem Humorberater wollen wir neue Anregungen geben", erzählt er.

Grundsätzlich sei Humor eine große Chance, Patienten zu helfen, Spannungen zu lösen, so Globo. "Denken Sie doch nur daran, wie ein Patient zu Ihnen kommt: Er hat Angst, krank zu sein oder gar sterben zu müssen. Er sieht sich einem Arzt gegenüber, der gesellschaftlich einen hohen Status hat und quasi für ihn auch eine moralische Instanz darstellt", fasst er zusammen.

Manche Menschen glaubten zudem, an ihren Krankheiten selbst schuld zu sein - durch ihre ungesunde Lebensführung. Sie erlebten sich als klein und den Arzt als groß. "Ärzte und Helferinnen können ihnen helfen und versuchen, den Druck aus der Situation herauszunehmen", glaubt Globo. Das wirke sich nicht zuletzt positiv auf den weiteren Krankheitsverlauf aus.

Ein freundliches Auftreten der Praxismitarbeiter sowie ein Lächeln des untersuchenden Arztes, da sind sich alle im Raum einig, können schon viel bewirken und das Klima für ein entspanntes Miteinander schaffen, in dem sich Humor entwickeln kann. "Wenn Sie ein Doktor mit ernstem Gesicht und einem stetigen Stirnrunzeln abhört - dann bekommen Sie doch auch Panik, dass es mit Ihnen sehr ernst stehen muss", weiß Globo. Es gebe im übrigen 18 verschiedene Arten zu lächeln. Er entspanne sich im Flugzeug bei einem rumpelnden Start auch erst, wenn er die gelassene und stetig lächelnde Stewardess vor ihm erblicke. Globo: "Das Signal ist eindeutig: Lächeln bedeutet ‚Vertrau mir, alles ist gut.‘" Kein Mensch könne Angst empfinden, wenn er lache.

"Haben Sie keine Angst, Humor zu zeigen", rät der gelernte Komiker den Anwesenden. Es schade keineswegs der Autorität des Arztes, wenn dieser sich "etwas kleiner" mache und zum Beispiel auf menschlich lustige Art dem Patienten vermittle, dass auch "Halbgötter in Weiß" Schwierigkeiten haben können, mit dem Rauchen aufzuhören oder auf fette Fritten zu verzichten. "Tun Sie das Unerwartete. Machen Sie sich selbst kleiner, menschlicher oder den Patienten groß", so seine Empfehlung.

Die Chefs einer Arztpraxis, die er in Sachen Kommunikation und Humor berate, hätten beispielsweise ihre Kinderfotos in den Gang der Praxis gehängt. Eine andere Praxis hätte im Wartezimmer Zettel liegen mit jeweils einem halben Witz. "Wer den Rest des Witzes hören will, muss andere Patienten ansprechen." Nach ihren Gesprächen im Wartezimmer kämen die Patienten viel selbstbewusster ins Behandlungszimmer. Ganz anders als früher, als sie die Zeit des Wartens noch mit Schweigen verbracht haben", erzählt Globo.

"Humor zuzulassen, ist ein Ausdruck von Souveränität"

Humor zuzulassen, sei ein Ausdruck von Souveränität und Gelassenheit, beruhigt er skeptische Ärzte. Kein Patient werde dadurch die fachliche Qualifikation seines Arztes in Frage stellen. "Denken Sie doch daran, wie bei Umfragen von Frauenzeitschriften humorvolle Männer und Frauen immer ganz oben auf der Attraktivitätsliste stehen."

Nähere Informationen zu Globo und seinem Konzept gibt es im Internet unter: www.gerhards-globo.de

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