Ärzte Zeitung, 08.05.2007

Engagement gegen Atomkrieg ist ungebrochen

Die Deutsche Sektion der Ärzte gegen Atomkrieg (IPPNW) wurde heute vor 25 Jahren gegründet

FRANKFURT/MAIN. Es war einer der bewegendsten Momente in seinem Leben. Als der Frankfurter Arzt Professor Ulrich Gottstein am 9. Dezember 1985 in der Stadthalle von Oslo vors Publikum trat, hatte seine Organisation, die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs, den Friedensnobelpreis erhalten. Ihm, dem Mitbegründer der deutschen Sektion, kam die Ehre zu, die Dankesrede zu halten.

Von Pete Smith

"Wir sind hergekommen mit Dankbarkeit im Herzen, nicht voller Stolz, sondern voller Demut", begann er. "Wir sind dankbar, dass unsere Bemühungen gewürdigt werden, die Menschheit zu retten." Um nicht weniger ging es auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs Mitte der 1980er Jahre: um die Rettung der Menschheit. Denn die beiden sich unversöhnlich gegenüberstehenden Gegner - hier die USA mit ihren Verbündeten, dort die Sowjetunion mit den Warschauer-Pakt-Staaten - hatten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Zehntausende von Atomwaffen angehäuft.

US-Kardiologe und Sowjetarzt wollten Wettrüsten stoppen

Ein Kardiologe aus den USA und ein Kollege aus der UdSSR wollen dem Wettrüsten Anfang der 80er Jahre nicht länger tatenlos zusehen. Als Ärzte empfinden Professor Bernard Lown und Professor Evgenij Chazov (später Gesundheitsminister der UdSSR) eine besondere Verantwortung. Gemeinsam mit vier weiteren Ärzten und Wissenschaftlern aus den USA und der Sowjetunion gründen sie im Dezember 1980 die International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW), eine Organisation, der auf dem Höhepunkt ihrer Popularität über 250 000 Mitglieder in 80 Ländern angehören werden.

Im Oktober 1981 lädt Lown seinen deutschen Kollegen Gottstein nach Ascot in England ein. "Er bat mich, eine deutsche IPPNW-Sektion zu gründen, und ich erklärte mich bereit dazu", erinnert sich der langjährige Chefarzt des Frankfurter Bürgerhospitals. "Auch ich war überzeugt, dass wir uns als Ärzte gegen den drohenden Atomkrieg besonders engagieren müssen."

Am 13. Dezember 1981 verabreden sich im Frankfurter Flughafen-Hotel Sheraton fünf deutsche Ärzte, unter ihnen Gottstein und der Gießener Psychoanalytiker Professor HorstEberhard Richter, um die Gründung einer deutschen Sektion vorzubereiten. Schon sechs Wochen später, am 6. Februar 1982, wird der Beschluss zur Gründung gefasst. Am 8. Mai 1982 findet in Frankfurt am Main die erste Vollversammlung statt.

In der folgenden Zeit werden die IPPNW nicht müde, weltweit über die zunehmende Gefahr des Wettrüstens aufzuklären. Ihre Botschaft ist eindeutig: "Bei einem Atomkrieg werden wir Ärzte genauso Opfer sein wie alle anderen." IPPNW-Vertreter reden mit Politikern, organisieren Kundgebungen, verbünden sich mit anderen Gruppierungen, um gemeinsam gegen die weltweite Atompolitik zu demonstrieren. Ihr weltweites Engagement findet Beachtung und Anerkennung bis hin zur Verleihung des Friedensnobelpreises.

Das wirkt sich auch in der politischen Arbeit aus: Im Gespräch mit Michail Gorbatschow erreichen IPPNW-Delegierte, unter ihnen Gottstein, dass der sowjetische Präsident 1986 einem einseitigen Atomtest-Moratorium zustimmt. Und der Weltgerichtshof erklärt auf Antrag der IPPNW und der WHO 1996, dass die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen völkerrechtswidrig sind.

Doch mit ihrem hartnäckigen Einsatz gegen die Stationierung von Atomwaffen machen sich die Ärzte nicht nur Freunde. Zwar betonen die IPPNW immer wieder ihre Überparteilichkeit, doch vor allem konservative Politiker werfen ihnen eine angebliche Nähe zur Sowjetunion vor. CDU-Generalsekretär Heiner Geisler und Bundeskanzler Helmut Kohl versuchen gar, das Nobelpreis-Komitee zu beeinflussen, damit die IPPNW den Friedensnobelpreis nicht bekommen. In seiner Dankesrede in Oslo entschuldigt sich Gottstein: "Ich weiß, wie beleidigt sich die Menschen durch solch einen Versuch der Einflussnahme fühlen müssen - Menschen, die noch vor 40 Jahren unter der Tyrannei eines faschistischen deutschen Regimes leben und leiden mussten."

IPPNW engagieren sich auch für humanitäre Hilfe

Der Frankfurter Arzt und seine Mitstreiter haben sich auch später nicht einschüchtern lassen. Sie konnten zwar weder die Irakkriege noch das Morden in Jugoslawien oder den Angriff auf Afghanistan verhindern, aber sie haben völkerrechtswidriges Handeln öffentlich gemacht und das Leid der Menschen durch humanitäre Einsätze gelindert.

Allen voran Ulrich Gottstein, der Dutzende Male im Irak, in Bosnien, Kroatien und Serbien gewesen ist und Hilfslieferungen für die unter dem Krieg leidenden Menschen organisiert hat. Nicht nur dafür hat er 1992 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Noch mit 80 hilft der IPPNW-Ehrenvorsitzende irakischen Kindern und ist bereit, auf öffentlichen Veranstaltungen seine Stimme gegen die weltweiten Kriege zu erheben. Warum es nichtsdestoweniger etwas stiller um die IPPNW geworden ist, dafür hat Gottstein eine einfache Erklärung: "Heute regt sich niemand mehr über uns auf. Wir werden nicht mehr als Gegner gesehen."

Geschichte der IPPNW

Dezember 1980: Drei US-Ärzte und drei sowjetische Kollegen gründen in Genf die Organisation "International Physicians for the Prevention of Nuclear War". Als Präsidenten werden Professor Bernard Lown von der Harvard Medical School in Boston und Professor Evgenij Chazov (Vize), Generaldirektor des kardiologischen Forschungszentrums der UdSSR in Moskau, gewählt.

März 1981: Der 1. Weltkongress der IPPNW findet in Airlie (US-Bundesstaat Virginia) statt. Es nehmen 72 Ärzten aus zwölf Ländern teil.

Februar 1982: Beschluss zur Gründung der bundesdeutschen Sektion der IPPNW in Frankfurt/Main.

Mai 1982: Erste deutsche Vollversammlung der IPPNW in Berlin. In den Sprecherrat werden Professor Ulrich Gottstein, Professor Horst-Eberhard Richter, Dr. Helmut Koch und Dr. Knut Sroka gewählt. Verabschiedung der "Frankfurter Erklärung". In ihr bitten die Gründungs-Mitglieder alle Ärzte, in einer persönlichen Willens-Erklärung "sämtliche kriegs-medizinischen Vorbereitungs-Maßnahmen abzulehnen und sich daran nicht zu beteiligen".

August 1982: Auf Beschluss des Ministerrates wird eine offizielle DDR-Sektion der IPPNW gegründet.

Oktober 1984: Die internationale IPPNW erhält in Paris den "UNESCO-Friedenspreis".

Oktober 1985: Der IPPNW wird der Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Auszeichnung gibt der Bewegung weltweit neuen Aufschwung. Sie wächst auf über 150 000 Mitglieder in mehr als 50 Nationen.

Mai/Juni 1986: Der 6. Weltkongress der IPPNW in Köln wird von der deutschen Sektion organisiert. Durch die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl wird die Organisation mit dem Thema friedliche Nutzung der Atomenergie konfrontiert.

Juni 1990: Unabhängige Gruppen in der DDR erzwingen eine IPPNW-Mitgliederversammlung und wählen in einer Kampfabstimmung die SED-hörige Sektionsleitung ab.

März 1991: Auf der Mitgliedervollversammlung in Kassel beschließt die IPPNW den Zusammenschluss der beiden deutschen Sektionen.

Februar 1992: Zehn Jahre IPPNW in Deutschland wird mit einem Kongress in Berlin begangen. Willy Brandt hält einen beachteten Vortrag zum Thema "Was heißt Sicherheit heute?"

Juli 1996: Der Internationale Gerichtshof veröffentlicht sein Gutachten über den Völkerrechtsstatus der Atomwaffen. Er erklärt: Die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen sind völkerrechtswidrig.

Februar 2003: Über eine halbe Millionen Menschen demonstrieren in Berlin, um einen Krieg gegen den Irak und die Zustimmung der Bundesrepublik dazu zu verhindern. Die IPPNW ist wesentlich an der Organisation beteiligt.

8. Mai 2007: 25. Jahrestag der Gründung der IPPNW in Frankfurt und der Verabschiedung der "Frankfurter Erklärung".

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