Ärzte Zeitung, 08.10.2007

Abraham Lincoln hatte möglicherweise die Pocken

US-Ärzte werteten Dokumente aus dem Jahr 1863 aus

GETTYSBURG (rdg). Der Patient hatte Fieber, fühlte sich schwach und entwickelte bald einen merkwürdigen Hautausschlag. Ungeachtet der Prodromi hielt er die bedeutendste politische Rede der amerikanischen Geschichte. Wenige Tage darauf konfrontierte ihn sein Arzt mit der Diagnose Pocken. Der Name des Patienten: Abraham Lincoln.

Die Gettysburg Address, die der amerikanische Präsident Abraham Lincoln mitten im Bürgerkrieg, am 19. November 1863, auf dem Schlachtfeld von Gettysburg in Pennsylvania hielt, gilt als eine der fundamentalsten Reden in der Geschichte westlicher Demokratien. Zwei amerikanische Ärzte, Arnold Goldman und Frank Schmalstieg von der University of Texas haben jetzt (Journal of Medical Biography 15: 104 - 110, 2007) Dokumente aus jener bewegten Zeit untersucht und sind zu der Diagnose gekommen, dass Lincoln unmittelbar nach seinem berühmten Auftritt an den Pocken erkrankte.

Diesen Verdacht hatte bereits ein wenige Tage nach Ausbruch der Symptome ins Weiße Haus geholter Arzt, Dr. Washington Chew Van Bibber, geäußert und mit einem altertümlichen Namen bedacht: varioloid. Lincoln wies da bereits an verschiedenen Hautstellen einen scharlachroten, wahrscheinlich pustulösen Ausschlag auf. Ein Reporter der Zeitung Chicago Tribune, der Lincoln am 9. Dezember interviewte, bemerkte sibyllinisch: "Sein Gesicht hat leichte Narben."

Die Pocken waren dank der ab 1798 von Edward Jenner propagierten Impfung im 19. Jahrhundert zwar rückläufig, aber keineswegs ganz verschwunden - dies geschah erst in den späten 1970er Jahren. Die Mortalitätsrate lag zu Lincolns Zeiten noch bei rund 30 Prozent. Ob der Präsident, der in bescheidenen Umständen aufgewachsen war, in seiner Kindheit einer Pockenschutzimpfung unterzogen worden war, ist unbekannt. Ein möglicher Vektor ist indes identifiziert worden: Lincolns 10-jähriger Sohn Tad war in den zwei Wochen vor der berühmten Rede seines Vaters bettlägerig - mit Fieber und rötlichen Hauteruptionen.

Falls sich die Ärzte, die Lincoln damals betreuten, der Diagnose Van Bibbers angeschlossen haben sollten, dann wissen wir aus gutem Grund nichts darüber: eine derart schwere Krankheit des Präsidenten hätte mitten im Bürgerkrieg vermutlich zu einer politischen Instabilität geführt.

Und wenn es wirklich Pocken waren, so hatte Lincoln zumindest einen nicht allzu gravierenden Krankheitsverlauf. Am 15. Dezember 1865, vier Wochen nach Beginn der Symptomatik, fühlte er sich kräftig genug, um abends ins Theater zu gehen. Es war dort, im Fords Theatre von Washington, wo im April 1865 das Leben von Amerikas größtem Präsidenten endete - nicht durch Viren, sondern durch die Kugel eines Attentäters.

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