Ärzte Zeitung, 06.11.2007

Ein Theaterstück weist auf Gefahren von sexuellem Missbrauch hin

Viele Kinder werden heute via Internet und Handy mit Pornografie konfrontiert

KÖLN (frk). Tine hat es nicht leicht: Gerade ist sie mit ihren Eltern umgezogen, das Haus steht noch mit Umzugskartons voll, da taucht auch noch Teugel auf. Der ist halb Engel, halb Teufel, und möchte gerne zum Schutzengel befördert werden. Er erhält seine Chance, als er Tine vor sexuellen Übergriffen schützt.

 Ein Theaterstück weist auf Gefahren von sexuellem Missbrauch hin

Wenn Teugel (r.) Tine 24 Stunden vor Gefahren bewahren kann, wird er zum Schutzengel befördert.

Foto: frk

Mit diesem neuen Theaterstück "Ganz schön blöd" will der Verein Zartbitter Kinder im Grundschulalter unterstützen, sich besser gegen sexuelle Übergriffe zu wehren. Die Kölner Einrichtung ist eine Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen. "Das Stück thematisiert aber auch Gewalt unter Kindern und sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen in den neuen Medien", erklärt Zartbitter-Leiterin Ursula Enders. Vor allem im Bereich der neuen Medien hätte es bisher an Konzepten und Materialien für die Präventionsarbeit mit Grundschülern gemangelt.

"Auf Fachtagungen und Informationsabenden haben uns immer wieder besorgte Eltern und Pädagogen angesprochen und uns gebeten, ein entsprechendes Theaterstück zu produzieren", so Enders. Sie schätzt, dass 70 bis 80 Prozent der Kinder bereits via Internet und Handy mit Pornografie konfrontiert worden sind. Sexuelle Triebtäter, die auf Minderjährige aus sind, hätten inzwischen neue Strategien entwickelt.

Viele von ihnen würden nicht mehr in Chaträumen sondern über internettaugliche Spielkonsolen Kontakt zu potenziellen Opfern aufnehmen. Pädagogen sind oft ratlos. "Sie sollen den Grundschülern Medienkompetenz vermitteln, bekommen aber selbst keine Fortbildungen zu dem Thema", erklärt Enders. Das neue Theaterstück soll deshalb auch ihnen zeigen, wo die Gefahren lauern und wie man mit Kindern über das Thema reden kann.

So findet auch Teugel erst nach und nach heraus, was Tine wirklich bewegt: Die Gruppe Halbstarker, die sie im Schulbus terrorisiert und begrapscht. Oder der Bruder einer Freundin, der die beiden heimlich nackt in der Badewanne fotografiert hat und nun droht, die Bilder per Handy in der Schule zu verschicken. Tine lernt von Teugel, in solch schwierigen Situationen nicht aufzugeben und Hilfe zu holen.

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas verliert das Theaterstück nie seine Leichtigkeit und seinen Witz. So könne man Kinder emotional wesentlich besser erreichen, meint der Regisseur Hans Kieseier. "Wenn man ihnen Angst macht, blocken sie ab", sagt er. Kieseier ist zumindest vielen Kölnern bereitns als Regisseur der bekanten "Stunksitzung" ein Begriff. Mit von der Partie ist zudem Eckhard Pieper, der das Stück geschrieben hat. Der Diplom-Psychologe arbeitet hauptamtlich bei Zartbitter .

Interessierte Schulen können das Stück bei Zartbitter buchen. Fester Bestandteil der Aufführung ist ein anschließendes Gespräch der Zuschauer mit den Darstellern, der Theaterpädagogin Imke Pankauke und dem Traumapädagogen Massimo Tuveri.

Zudem erhalten sie eine Broschüre mit Tipps, wie sie sich gegen sexuelle Belästigung wehren können. "Es hilft zum Beispiel, wenn Kinder angeben, dass die Eltern den Computer, das Handy oder die Spielkonsole ebenfalls benutzen, denn das schreckt die meisten Täter schon ab", erklärt Enders.

Topics
Schlagworte
Panorama (30672)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »