Ärzte Zeitung, 29.01.2008

"Der Catharr hat überhand genommen"

Kulturhistoriker aus dem Saarland untersucht Geschichte von Grippe-Pandemien / Sechs Ausbrüche pro Jahrhundert

SAARBRÜCKEN. Grippe-Pandemien sind kein Phänomen unserer Zeit, es hat sie seit Jahrhunderten gegeben. Bislang allerdings haben Historiker eher die Pestzüge als die Ausbreitung der Influenza-Viren erforscht. Professor Wolfgang Behringer, Kulturhistoriker von der Uni im Saarland, hat nach dem Studium von neu erschlossenen Quellen eine historische Grippe-Pandemie nachgewiesen, die im Jahr 1580 auch weltgeschichtliche Ereignisse beeinflusst hat.

 "Der Catharr hat überhand genommen"

Modell des Influenzavirus - bereits im Jahr 1580 hatte eine Grippe-Welle den Menschen in Deutschland einen großen Schrecken eingejagt.

Foto: GSK

Von Ursula Armstrong

Von Osten, aus Asien und Russland her kommend, breitet sich 1580 eine neue Krankheit aus. Starke Kopf- und Gliederschmerzen, hohes Fieber und ein schweres Krankheitsgefühl sind die Symptome dieser hochansteckenden Krankheit. "Vermeldter catharr hat in ganzer welt also überhand genommen", notiert der Augsburger Kaufmann Hans Fugger (1531 bis 1598).

Briefe und Tagebücher wurden ausgewertet

"Bei der mysteriösen Krankheit handelt es sich um eine Grippe-Pandemie", schreibt Behringer im Unimagazin "campus". Der Kulturhistoriker hat die europaweit geführte Korrespondenz von Fugger ausgewertet. Von kaum einem anderen Zeitgenossen sind so viele Briefe erhalten. Erst vor kurzem wurden sie der Forschung zugänglich gemacht. Eine weitere Quelle waren Briefe und Tagebücher des kaiserlichen Botschafters in Spanien Hans Khevenhüller (1538 bis 1606).

Auch wenn Fugger von "catharr" schreibt, sei die Grippe mit ihren diffusen Symptomen als unbekannte Krankheit wahrgenommen worden. "Das plötzliche hohe Fieber und die enorme Schwäche jagten den Menschen großen Schrecken ein", so Behringer.

Für die Pandemie von 1580 fand der Historiker Belege in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, England, Deutschland und Böhmen. In Deutschland begann die Epidemie Mitte Juli und hielt sich etwa drei Monate lang. Höhepunkt war im September. Vor allem alte Menschen, Schwangere und Kinder starben.

Die Epidemie hatte Auswirkungen auf die Weltpolitik. So sei der für August 1580 in Nürnberg geplante Reichstag erst verschoben und dann abgesagt worden. "Hauptursache war die schwere Erkrankung von Kaiser Rudolf II. am Kaiserhof in Prag", erklärt Behringer. In Frankreich wurden die Hugenotten-Kriege mit dem Frieden von Fleix unterbrochen, denn auf beiden Seiten waren zu viele Soldaten krank, als dass man hätte weiterkämpfen können. Zu den Grippe-Kranken gehörte auch das französische Königspaar Katharina von Medici und Heinrich III.

Dramatisch wurde es, als der spanische König Philipp II. die Grippe bekam und seine schwangere Frau Maria Anna von Österreich starb. Die Welt habe den Atem angehalten, so Behringer. "Der Tod des katholischen Philipp hätte die Weltgeschichte fundamental verändert. Das spanische Weltreich, die Supermacht der Zeit, drohte mangels Thronfolger auseinanderzubrechen." Was dann alles passieren würde, darüber spekulierten Fugger und Khevenhüller in ihren Briefen. Doch Philipp erholte sich wieder.

Belege für Grippe-Wellen gibt es aus der Früheren Neuzeit

Auch vor dem 16. Jahrhundert habe es Influenza-Pandemien gegeben, spekuliert Behringer. Doch die Quellenlage sei zu schlecht, um genaue Angaben zu machen. In der Frühen Neuzeit von 1500 bis 1800 fand er aber viele Belege für Grippe-Wellen, darunter auch viele Pandemien. "Im Schnitt gab es drei bis sechs weltweite Grippe-Ausbrüche pro Jahrhundert", schätzt der Historiker.

Für das vergangene Jahrhundert liegt er mit dieser Schätzung richtig. Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 führte weltweit zu 500 Millionen Kranken und 25 bis 50 Millionen Toten, die Asiatische Gruppe von 1957 zu einer Million Toten und die Hongkong-Grippe von 1968 zu 700 000 Toten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »