Ärzte Zeitung, 04.03.2008

Gruß mit Mundharmonika - Willkommen im Leben!

Geburtshelfer Professor Bernhard Hackelöer von der Asklepios Frauenklinik Hamburg-Barmbek empfängt Neugeborene mit einem Musikinstrument

HAMBURG (dpa). Violetta ist zehn Minuten alt. Sie liegt auf dem Bauch ihrer Mutter Pauline. Professor Bernhard Joachim Hackelöer beugt sich über das junge Glück, zückt aus seinem weißen Arztkittel eine Mundharmonika und spielt "Weißt Du wieviel Sternlein stehen".

"Weißt du, wie viel Sternlein stehen": Seit 1975 begrüßt Professor Bernhard Hackelöer Neugeborene mit der Mundharmonika.

Foto: dpa

Die noch ganz schrumpelige Violetta öffnet leicht die Äuglein, während ihre von der Geburt noch völlig erschöpfte Mutter glücklich die Augen schließt - und die Töne genießt. Es folgt: "An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand, sind die Fische im Wasser und selten an Land." "Das muss hier im Norden einfach sein, das ist Pflicht", sagt Hackelöer. Seit 1975 erfreut der musizierende Mediziner Neugeborene - erst in Marburg, seit 1986 in der Asklepios Frauenklinik in Hamburg-Barmbek.

Der 63 Jahre alte Geburtshelfer heißt mit einem Mundharmonika-Ständchen fast täglich das Leben im Kreißsaal willkommen - tausendfach schon. Rund 40 Lieder hat er im Repertoire. Auch russische, französische, englische. Der Vater der kleinen Violetta kommt aus den USA. Als Hackelöer seiner Mundharmonika die Töne zur amerikanischen Volksweise "The Camptown Ladies" entlockt, ist er "really happy".

Eigentlich spielt der Mann mit dem raspelkurzen grauen Haar, der schwarz geränderten Brille und dem verschmitzten Lachen viel lieber Klavier, "aber das kann man nicht in die Tasche stecken und in den Kreißsaal mitnehmen". Musikalische Vorbilder sind Johnny Cash, Bob Dylan und Eric Clapton. Drei Gründe führt er an, warum er die Kinder mit der Mundharmonika begrüßt.

Zum einen seine Begeisterung für Musik - die vier Kinder daheim können ein leidvolles Liedchen davon singen. Dann natürlich der medizinische Aspekt. Musik ist gesund - in der frühkindlichen Erziehung wird ihr eine große Bedeutung beigemessen. "Überproportional viele Kinder öffnen während des Mundharmonikaspiels erstmals die Augen", hat der auf Geburtshilfe und Pränatalmedizin spezialisierte Professor festgestellt.

Tschüss und weg - das ist zu wenig

Und zum anderen störte Hackelöer, dass nach der Entbindung ein passender Abschluss für dieses einmalige Erlebnis fehlte. "Da ist man dann rausgegangen und hat Tschüss gesagt, das war zu wenig." Das Kind solle das Gefühl bekommen, dass die Welt etwas positives, schönes ist - nach den neun Monaten im Mutterbauch. Also begann Hackelöer die Mundharmonika zu zücken. Sein Favorit ist immer noch "Weißt du wieviel Sternlein stehen." "Damit will ich dem Kind sagen, ,Du bist jetzt einer von den unendlich vielen Sternen auf dieser Welt‘."

Oft erfreuen sich die Mütter offenbar mehr an der Musik als die neuen Erdenbürger. "Die Mütter vergessen das nie", sagt er. Einer Französin, die kurz nach der Geburt Kreislaufprobleme hatte, spielte Hackelöer die französische Nationalhymne, die Marseillaise, vor. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie als erstes: "Ich habe noch gehört, wie sie die Marseillaise gespielt haben." Bei tausenden Kindern, die nach dem Abtrennen der Nabelschnur von "Hänschen Klein", "Alle meine Entchen" und Co. begrüßt wurden, fragt man sich, wie viele dieser Neugeborenen Musiker geworden sind. "Darüber", sagt Hackelöer, "gibt es leider keine Nachuntersuchungen."

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