Ärzte Zeitung online, 21.04.2008

Zitronensaft zur Desinfektion von Wunden: Anklage gegen Klinik-Chefarzt erhoben

MÖNCHENGLADBACH (dpa). Das ist eine Schreckensvision: Da legt sich ein Patient auf den Operationstisch, und beim Aufwachen fehlt ihm ein gesundes Organ. Mehrere Patienten des kleinen St. Antonius Krankenhauses im ländlichen Wegberg in Nordrhein-Westfalen erlebten diesen Horror-Trip. Während sie in der Narkose lagen, soll ihnen der damalige Chefarzt die Gallenblase weggeschnitten haben.

Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach hat am Montag die Anklage gegen den 51-jährigen Chirurgen veröffentlicht, der seit einigen Tagen im Gefängnis sitzt.

Dem einst renommierten Mediziner werden 69 Vergehen an 17 Patienten im Alter zwischen 50 und 92 Jahren vorgeworfen. Sieben Patienten überlebten die Tortur nicht. Sie sollen durch Ärztehand gestorben sein. In vier Fällen durch handwerkliche Fehler, in drei Fällen durch Körperverletzung mit Todesfolge. Die Anklage listet 60 einzelne Körperverletzungen auf. Zu einzelnen Fällen machte die Staatsanwaltschaft keine detaillierten Angaben.

Während die Kranken in dem kleinen Haus gutgläubig auf moderne Medizin und Medikamente vertrauten, ließ ihnen der Mediziner frisch gepressten Zitronensaft in die Wunden träufeln - und das nicht nur vereinzelt, wie Staatsanwalt Lothar Gathen sagte. "Der hat niemandem erzählt, wir machen Desinfektion mit frischem Zitronensaft. Wäre auch schwer vorstellbar, dass da jemand einwilligt." Auch die Anwendung mit Zitronensaft fällt in die Liste der Körperverletzungen.

Vor rund einem Jahr hatten die Ermittler klein angefangen - nach einem anonymen Hinweis offensichtlich aus Insider-Reihen. Sie wälzten Patientenakten, beauftragten Gutachter. Die Dimension sämtlicher Vergehen wurde dann nach und nach deutlich. "Der Umfang der Vorwürfe ist uns erst nach Abschluss der Bearbeitung aller Fälle, nachdem alle Gutachten vorlagen, klargeworden", sagte Gathen. Nicht anders werde es dem einst so renommierten Chirurgen gehen.

Der galt als Wegbereiter der Schlüsselloch-Chirurgie, die Operationen mit kleinen Schnitten möglich macht. In Fernsehsendungen war er ein bekannter Gast. Trotzdem entschied er sich 2006 für die Arbeit in einer kleinen Klinik auf dem Land. Er kaufte das vor der Insolvenz stehende Haus für 25 000 Euro.

Hinter den Klinikmauern stand er im Zentrum der Macht: Er war Inhaber, Geschäftsführer und ärztlicher Direktor. Durch die Personalunion habe der sonst übliche Kontrollmechanismus zumindest teilweise nicht funktioniert, hatte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Professor Hartwig Bauer, die Vorgänge einmal kommentiert.

Das Ärzteteam war überwiegend jung und nach Angaben der Ärztekammer Nordrhein von seinem Chef abhängig. Acht von zwölf Medizinern sind ebenfalls angeklagt. Fünf von ihnen haben Wegberg mittlerweile verlassen, drei sind noch in der Klinik. Der Chef selbst durfte zuletzt zwar nicht mehr als Arzt praktizieren, saß aber immer noch auf dem Chefsessel der Geschäftsführung - bis ihn vor wenigen Tagen die Polizei abholte. Seitdem sitzt er in Haft, weil Fluchtgefahr drohe. Für diese Entscheidung des Landgerichts Mönchengladbach spieltevor allem eins eine Rolle: Das drohende Strafmaß von maximal 15 Jahren sei ein Fluchtanreiz, zumal man als Arzt auch gut im Ausland arbeiten könne.

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