Ärzte Zeitung, 28.04.2008

IM PORTRAIT

Arzt und Vordenker: Horst-Eberhard Richter wird 85

Von Pete Smith

"Als Arzt erkenne ich nur eine einzige auf den Kriegsfall bezogene Form der Prävention an, nämlich die Verhütung des Krieges selbst mit allen Anstrengungen, zu denen ich mein Teil beizusteuern entschlossen bin."

Was der Gießener Psychoanalytiker Professor Horst-Eberhard Richter am 8. Mai 1982 in der später berühmt gewordenen "Frankfurter Erklärung" formulierte, wurde von den 14 Gründungsmitgliedern der bundesdeutschen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) unterzeichnet und spiegelt Richters persönliches Credo, nach dem er sein ganzes Leben ausgerichtet hat. Nur wenige andere deutsche Ärzte haben sich so kompromisslos für den Frieden eingesetzt wie er. Heute wird Richter 85 Jahre alt.

Geboren am 28. April 1923 in Berlin, wuchs Horst-Eberhard Richter in der Zeit der Weimarer Republik und der Nazi-Diktatur auf. Nach Hitlerjugend und Arbeitsdienst wurde er 1942 in die Wehrmacht eingezogen und diente während des Zweiten Weltkriegs als Richtkanonier an der Russlandfront. Kurz vor seiner Verlegung nach Stalingrad erkrankte er an Diphtherie.

1944, inzwischen für die Wehrmacht in Italien im Einsatz, desertiert Richter und versteckt sich in einer Hütte in den Alpen. Dort wird er von französischen Soldaten aufgespürt und gefangen genommen. Die Besatzer halten ihn für ein Mitglied der NS-Freischärler-Bewegung Werwolf und bürden ihm vier Monate Isolationshaft auf. Nach seiner Freilassung kehrt er nach Deutschland zurück und erfährt, dass seine Eltern von Russen ermordet wurden.

In Gießen baut Richter seine Psychosomatik-Abteilung aus

In der Uni seiner Heimatstadt schreibt sich Richter für Medizin, Philosophie und Psychologie ein. 1949 promoviert er zum Dr. phil., 1957 zum Dr. med. Dazwischen absolviert er eine Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut und macht 1958 seinen Facharzt. 1962 übernimmt er einen der ersten deutschen Lehrstühle für Psychosomatik an der Uni Gießen. Seine Abteilung baut er zu einem der führenden Zentren für psychosomatische Medizin auf.

Es ist die Zeit des Aufbruchs in Deutschland, die Zeit der Studentenrevolten, die Zeit der Befreiung von politischen Altlasten und überkommenen Moralvorstellungen. Richter wird zu einem Sprachrohr der Erneuerung. Er engagiert sich für soziale Randgruppen, nimmt an Demos und Sitzblockaden teil, ergreift friedenspolitisch Initiative und formuliert Denkanstöße, auf die sich eine ganze Generation von Ärzten und sozial engagierten Bürgern berufen.

Zu den Weggefährten zählt auch Dr. Ulrich Gottstein

"Horst-Eberhard Richters Bücher begleiteten die Erkenntnis- und Veränderungsprozesse meiner Generation in der Gesundheits- und Sozialarbeit", bekennt etwa Dr. Ellis Huber, von 1987 bis 1999 Präsident der Ärztekammer Berlin. "Immer wenn Fragen nach dem richtigen Weg auftauchten, wenn Ziele unklar wurden, Ohnmacht uns entmutigte oder Übermut uns gefährdete, erschien von ihm ein neues Werk, das Horizonte aufzeigte."

1982 gehörte Horst-Eberhard Richter zu den Gründungsmitgliedern der deutschen IPPNW-Sektion. Gemeinsam mit Ulrich Gottstein, Helmut Koch und Knut Sroka wurde er in den Sprecherrat der Organisation gewählt. Innerhalb der Organisation bemühte sich der IPPNW-Ehrenvorsitzende vor allem darum, "die Bedrohungs- durch die Verständigungspolitik zu ersetzen", wie er in seiner Autobiografie "Wanderer zwischen den Fronten" schreibt. Ein Höhepunkt war die Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW 1985.

In der Psychoanalyse sieht Richter nicht bloß eine Behandlungsmethode, sondern ein Instrument der Aufklärung schlechthin. Ärztliches Verhalten sei stets politisch, mahnt der Friedenskämpfer, Medizin im Sinne ihrer lebenserhaltenden Aufgabe immer pazifistisch.

Horst-Eberhard Richter, der nach seiner Emeritierung im Jahre 1991 zehn Jahre lang das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main geleitet hat, ist mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft worden. Aber auch dabei ist er seinen Überzeugungen treu geblieben. Dreimal hat er die Annahme des Bundesverdienstkreuzes abgelehnt. Seine Begründung: Diese Auszeichnung hätten in der Vergangenheit "zu viele Ex-Nazis" erhalten.

ZUR PERSON

Als Mediziner und Vordenker erlangte Horst-Eberhard Richter, geboren am 28. April 1923, Bedeutung weit über Deutschland hinaus. Er gilt als einer der Pioniere der psychoanalytischen Familientherapie. Als sein kulturpsychologisches Hauptwerk gilt "Der Gotteskomplex" von 1979, in dem er den "narzisstischen Omnipotenzdrang" des Mannes als größte Bedrohung der modernen Gesellschaft beschreibt. Richter gehörte zu den Gründungsmitgliedern der deutschen IPPNW-Sektion.

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