Ärzte Zeitung, 16.06.2008

Starke Psyche macht Fußballer gefährlich

Der Psychologe Dr. Hans-Dieter Hermann arbeitet für die deutsche Fußballelf als "Leistungsoptimierer"

FRANKFURT/MAIN. Fußballspiele werden im Kopf entschieden - eigentlich eine Binsenweisheit. Trotzdem gab es im Dezember 2004 überschäumende Reaktionen, als der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann einen Psychologen ins deutsche Nationalteam holte. Von Psycho-Doc und Seelenklempner war die Rede. Dr. Hans-Dieter Hermann, der als Mentaltrainer auch das Team des Bundesliga-Aufsteigers TSG Hoffenheim betreut, nennt sich selbst einen "Leistungsoptimierer". Und damit ist schon viel gesagt.

Von Pete Smith

 Starke Psyche macht Fußballer gefährlich

Der Sportpsychologe Dr. Hans-Dieter Hermann (links) mit Torwarttrainer Andreas Köpke und Oliver Bierhoff.

Foto: dpa

"Ich mache Training im Kopf und für den Kopf", sagt der 1960 geborene Hermann, der bei einem der international bekanntesten Sportpsychologen, Professor Hans Eberspächer, in die Lehre gegangen ist. Er selbst ist seit 1988 als Psychologe im Leistungssport tätig. 1994 half er der österreichischen Skinationalmannschaft dabei, die Trauer um Super-G-Weltmeisterin Ulrike Maier zu verarbeiten, die während eines Rennens tödlich verunglückt war. Zehn Jahre später coachte er in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Athen die deutschen Turner, die durch einen schweren Sturz ihres Mannschaftskollegen Ronny Ziesmer verunsichert waren - Ziesmer sitzt seither im Rollstuhl. Zum Fußball holte ihn 1999 Ralf Rangnick, damals noch Trainer des SSV Ulm, heute Coach bei TSG Hoffenheim.

Spieler lernen, sich zu konzentrieren

Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt darin, den Spielern klassische Methoden der Konzentrations- und Leistungsförderung zu vermitteln. "Man kann sich die eigene Stärke buchstäblich einreden", sagt Hermann, der in Schwetzingen wohnt und an der Universität Heidelberg als Dozent für Sportpsychologie tätig ist. "Ich bin stark" oder "Ich gebe nicht auf" sind Beschwörungsformeln, die sich die Spieler wie ein Mantra selbst aufsagen. Mit Erfolg, wie Hermann weiß: "Man kann ganz schlüssig demonstrieren, dass Spieler körperlich erst dann aufgeben, wenn der Kopf sagt: Jetzt ist Schluss. Diesen Zeitpunkt möglichst weit hinauszuschieben, das ist ein relativ leicht zu erreichendes Ziel."

Hermann, der auch Vorträge vor Managern und Spitzenkräften der Wirtschaft hält, hat seine Diplomarbeit über Stress geschrieben. Das kommt auch seiner Arbeit in der Nationalmannschaft zugute. Seine Methoden sind so unkonventionell wie wirkungsvoll.

Mal schickt er seine Schützlinge an die Kletterwand, mal lädt er die besten deutschen Bogenschützen zum Training der Nationalkicker ein. Darüber hinaus bereitet der Diplom-Psychologe die Spieler in Gesprächen auf mögliche Extremsituationen vor: auf ein Elfmeterschießen ebenso wie auf den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit und auf die eigenen Versagensängste.

Auch Österreicher setzen auf Mentaltraining

Übrigens: Auch die Österreicher haben seit kurzem einen Mentaltrainer im Team. Der Sportpsychologe Professor Günter Amesberger von der Universität Salzburg hat derzeit keinen leichten Job. Aber das schreckt ihn nicht. "Der Österreicher schwankt ja zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt", so Amesberg, "und das gilt es immer zu berücksichtigen."

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