Ärzte Zeitung, 08.09.2008

Eine Hoffnung für verzweifelte Frauen

"Ich verfaule innerlich" - es ist einer jener leisen Sätze, den die Ärztin Monika Hauser in Bosnien, in Afghanistan oder in Afrika hört. Es sind Andeutungen, geflüsterte Gefühlslagen verzweifelter Frauen, die in den jüngsten Kriegen vergewaltigt wurden - und darüber schweigen.

Von Ulrike von Leszczynski

Kämpft unermüdlich für die Interessen von vergewaltigten Frauen: die Ärztin Monika Hauser.

Foto: imago

BERLIN (dpa). In den Männergesellschaften, in denen diese verzweifelten Frauen leben, können sie oft nicht über ihr Trauma sprechen. Vor 15 Jahren gründete Hauser die deutsche Hilfsorganisation medica mondiale, die Frauen in Kriegs- und Krisengebieten medizinisch und psychologisch hilft. Ein Buch gewährt erstmals detailliert Einblicke in diese schwierige Arbeit. Bei aller Sachlichkeit ist es auch ein Bericht aus einer Welt zerstörter Frauenseelen.

Ein Kinofilm sensibilisiert für ein verdrängtes Thema

Es war der Kinofilm "Esmas Geheimnis", der 2006 in Deutschland ein fast vergessenes Kapitel aus dem Jugoslawien-Krieg der 90er Jahre in die Öffentlichkeit trug. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus Sarajevo, die als eines der Opfer von Massenvergewaltigungen eine Tochter zur Welt bringt. Aus Scham und Verzweiflung lügt sie ihr später vor, der Vater sei im Krieg den Heldentod gestorben. Der Film, der den Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele erhielt, war keine Fiktion. "Esma" gehörte zu den ersten Frauen, die sich den Helferinnen von medica mondiale anvertrauten. Der Film brach auch in Bosnien das Schweigen über dieses Kapitel Krieg. Die Welt konnte er nicht verändern.

"An der massiven Gewalt gegenüber Frauen hat sich in 15 Jahren leider nicht wirklich etwas geändert", bilanziert Hauser. Die 49 Jahre alte Gynäkologin, gebürtige Italienerin, weiß von vergewaltigten Frauen in Afghanistan, die Schutz bei der Polizei suchen - und ins Gefängnis gebracht werden. Denn sie haben auch nach Meinung vieler Gesetzeshüter die Familienehre verletzt. Es ist immer wieder dasselbe Problem: Vergewaltigungen in Ländern, in denen jahrelanger Krieg die Menschen verroht hat, werden kaum verfolgt, noch seltener bestraft. Frauen sind wie eine "Kriegsbeute".

"Ein Antrieb für meine Arbeit ist nach wie vor die Wut", sagt Hauser. "Wut gegenüber all dieser Ignoranz und der Tatsache, dass Kriegsverbrechen gegenüber Frauen noch immer mit einem Handstreich vom Tisch der Geschichte gefegt werden". So, als wären sie ein unvermeidlicher "Kollateralschaden". Die Ärztin wird nicht müde, über die traumatischen Folgen von Vergewaltigungen zu referieren: dem Verlust des Urvertrauens, dem zerstörten Selbstbild, psychischen Störungen oder Krebserkrankungen.

Wichtige Pionierarbeit - Erfolge bleiben nicht aus

Die Autorin und Journalistin Chantal Louis schreibt in ihrem Buch über medica mondiale vor allem über die Pionierarbeit der Organisation: Hilfe an der Basis und Öffentlichkeitsarbeit. Hauser nennt einige der Erfolge, den Kriegsopferstatus für vergewaltigte Frauen in Bosnien zum Beispiel. Oder die Urteile des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der Vergewaltigungen im Jugoslawien-Krieg als Verbrechen gegen die Menschlichkeit wertete.

Die engagierte Ärztin hat einen persönlichen Antrieb für ihre Arbeit: Schon als Kind erfuhr sie von ihrer Großmutter in Andeutungen von sexueller Gewalt. In ihrer Zeit als Gynäkologin in Südtirol und im Ruhrgebiet wurden ihr Ausmaß und Folgen bewusst: zerstörte Frauenseelen mit Krankheitsbildern bis hin zur Persönlichkeitsspaltung.

Bis heute bildet medica mondiale einheimische Ärztinnen und Therapeutinnen in Kriegsgebieten für die Arbeit mit Vergewaltigungsopfern fort. Mit drei Millionen Euro im Jahr 2007, zur Hälfte Spenden, zur Hälfte öffentliche Gelder, sind der weltweiten Arbeit von medica mondiale allerdings Grenzen gesetzt.

www.medicamondiale.de

Chantal Louis: Monika Hauser. Nicht aufhören anzufangen. Verlag Rüffer und Rub, Zürich 264 S., Euro 19,80 Euro

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