Ärzte Zeitung online, 31.12.2008

Gedächtnisverlust durch Schock nach Manöverunglück in der Wüste

Neu-Isenburg (Smi). Andrew Jones* ist Corporal bei der britischen Rheinarmee, als sich sein Leben schlagartig ändert. Der Engländer, damals seit zehn Jahren mit einer Deutschen verheiratet, wird 2001 in den Oman geschickt, wo er am 9. Juni während eines Manövers als Beifahrer eines Lkw in der Wüste verunglückt. Stunden liegt er im Auto, eingezwängt im Gurt bei 40 Grad Hitze.

Gedächtnisverlust durch Schock nach Manöverunglück in der Wüste

Andrew Jones*

Foto: Smith

Er erwacht in einem Hospital, um sich herum Soldaten, die er nicht kennt. Sie sagen ihm, er solle seine Frau in Deutschland anrufen, er antwortet: "Welche Frau?" Auch dass er einen Stiefsohn hat, in Deutschland lebt, einmal mit Messer und Gabel essen konnte - alles ist weg. Die ersten 29 Jahre seines Lebens sind ausradiert. Auch die Gefühle. "Ich hatte einen Klumpen im Hals, aber ich wusste nicht, dass ich traurig war." Als er das erste Mal mit seiner Frau Susanne spricht, merkt er, dass er Deutsch versteht. Hirnschäden sind nicht festzustellen. Die Militärärzte erklären ihm, dass der Schock die Ursache seines Gedächtnisverlustes sei und fügen einen Satz hinzu, den er fortan noch allzu oft wird: "Es kommt irgendwann zurück."

Nur was "es" ist, weiß er nicht. Er sucht Hilfe bei Neurologen und Psychiatern, aber niemand weiß wirklich Rat. Bei seinen Eltern in Harvich blättert Jones Tage lang in Fotoalben, um sich seine Kindheit zurück zu holen. Beim Studium der Vorabendserien lernt er die Welt der Gefühle kennen und kopiert, was er sieht.

Nur wenige Bilder tauchen aus den Tiefen seines Gedächtnisses wieder auf - die Hausglocke bei seiner Oma und eine Tür im Kindergarten. Eine zusätzliche Belastung ist, dass er sich ständig rechtfertigen muss, dass auch gute Bekannte seine Glaubwürdigkeit anzweifeln.

Im Internet stößt Jones auf die Arbeiten von Professor Hans-Joachim Markowitsch, Ordinarius für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der bekanntesten deutschen Gedächtnisforscher. "Er war mein Retter", sagt Jones, "er hat mir Antworten gegeben".

Markowitsch vollzieht 50 Tests an dem Soldaten und schickt ihn schließlich ins Forschungszentrum Jülich, wo sein Hirn in einem Kernspintomografen gescannt wird, während er Dutzende von Fragen beantworten muss. Am Ende wird Jones attestiert, dass er unter retrograder Amnesie leidet und die Funktion der Amygdala, wo Gedächtnisinhalte emotional bewertet werden, gestört ist.

Die Speicherung von Faktenwissen hingegen ist kein Problem. Das macht sich der Engländer nach seiner Entlassung aus der Armee zugute. Er wiederholt seine vor dem Unfall erworbene Fahrlehrerausbildung und eröffnet eine Fahrschule. Heute kennt er von allen 217 angemeldeten Schülern die Namen auswendig. Jones: "Ich will nie wieder etwas vergessen."

*Name geändert

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