Ärzte Zeitung online, 31.12.2008

"Tochter ist nur ein Wort für mich" - Retrograde Amnesie nach Meningitis

NEU-ISENBURG (Smi). Sabine Barthelmes hat die ersten 40 Jahre ihres Lebens vergessen. "Ist nicht schön, ist aber so", sagt sie leichthin. Aber leicht sind die vergangenen sieben Jahre keineswegs gewesen. Aufgrund einer Meningitis im Oktober 2000 verliert Sabine Barthelmes ihr autobiographisches Gedächtnis. Sie leidet, wie man in der Neurologischen Klinik in Würzburg diagnostiziert, an retrograder Amnesie.

Sie erkennt nichts und niemanden wieder. "Der nette Kerl aus dem Krankenhaus", der täglich an ihrem Bett weilt und den sie für einen Krankenpfleger hält, ist ihr Ehemann. "Aber für mich hat das Wort wenig Bedeutung", sagt sie. "Es ist etwas, das mit Gefühlen behaftet ist, und Gefühle daran habe ich nicht."

Nicht nur ihren Mann betrachtet Sabine Barthelmes als Fremden, auch ihre Tochter. "Tochter ist wieder nur ein Wort für mich. Genauso wie Bruder. Emotional kommt da nichts hoch."

Eine Chronologie kennt sie ebenso wenig. "Bei mir geschieht alles gleichzeitig." So könnte ihr beim Einkaufen ein Dinosaurier über den Weg laufen, ohne dass sie sich wundern würde.

Sie versucht, sich das alte Leben wieder anzueignen. Sie lernt zu lesen, zu schreiben. Wenn ihr Mann zur Arbeit geht, schließt er sie anfangs zu ihrer eigenen Sicherheit ein. Später kehrt sie an ihren alten Arbeitsplatz zurück. Immerhin ist ihr Zahlengedächtnis noch intakt. Aber sie bleibt eine Fremde, weiß weder die Gesten ihrer Mitmenschen noch deren Bildsprache zu deuten. Im Gegenteil: Sie nimmt jeden Satz für bare Münzen, was für Verwirrung sorgt - bei ihr und bei den anderen.

Alle um sie herum hegen die Erwartung, dass ihre Erinnerung zurückkommt, nur sie nicht. Irgendwann wird es Sabine Barthelmes zuviel: Sie gibt ihr altes Leben in Süddeutschland auf und beginnt ein neues in Hamburg. Seit einem Jahr lebt sie jetzt hier.

Man hat ihr erzählt, dass sie in ihrem alten Leben nicht mehr glücklich war, vielleicht ist das ein Grund für ihren kompletten Gedächtnisverlust. Psychogene Amnesie nennt man das, wenn die Erinnerung aufgrund einer psychischen Überbeanspruchung blockiert wird.

Für Sabine Barthelmes eine Bestätigung, ein neues Leben zu beginnen. "Es hat ja seinen Grund, warum ich die Amnesie habe", sagt sie. "Es ist mit Sicherheit kein schlechter Grund. Ich kann lernen, wie schön das Leben ist." Die 47-Jährige hungert regelrecht nach Erfahrungen, die für sie alle neu sind.

Schwimmen ist so ein Novum. Sie weiß nicht, ob sie das kann. Auch an das Gefühl, von Wasser umgeben zu sein, kann sie sich nicht erinnern. Doch als sie ins Becken steigt, schwimmt sie einfach los.

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