Ärzte Zeitung, 21.07.2008

Unbekannte Tote bekommen ein Gesicht

Eine Rechtsmedizinerin versucht, mit Hilfe von Schädelknochen das Aussehen von Mordopfern zu rekonstruieren

FRANKFURT/MAIN (dpa). Unbekannten Toten ein Gesicht geben - die Frankfurter Rechtsmedizinerin Constanze Niess hat sich ein ungewöhnliches Spezialgebiet erarbeitet. Sie wird immer dann konsultiert, wenn die Polizei bei nicht identifizierten Mordopfern nicht mehr weiterkommt und die Öffentlichkeit einschalten will.

Constanze Niess bei der Arbeit. Regelmäßig modelliert sie in der Frankfurter Rechtsmedizin Kopfplastiken.

Foto: dpa

Die 40-Jährige versteht sich auf die Kunst, vom noch vorhandenen Schädelknochen auf das frühere Aussehen der Mordopfer zu schließen. Mit einer speziellen Knetmasse modelliert sie am Knochen nach wissenschaftlichen Kriterien den Toten ein Gesicht, mit dem sie von früheren Bekannten wiedererkannt werden sollen.

Am Anfang der Arbeit steht immer ein Schädel, nicht selten mit eingeschlagenen oder fehlenden Knochen. Auf 23 definierte Stellen setzt die Rechtsmedizinerin kleine, durchnummerierte Plastiktürmchen: Nummer 12 etwa sitzt direkt über der Augenhöhle, Nummer 13 genau darunter. An diesen charakteristischen Punkten weiß die Medizin nach umfangreichen Messreihen ziemlich genau, wieviel Haut und Muskeln sich zu Lebzeiten darüber spannten. Etwa einen Tag braucht Niess, um die Zwischenräume zwischen den Punkten mit Streifen einer braunen, dauerelastischen Knetmasse zu verbinden - die sogenannte amerikanische Methode, die sie sich in drei Kursen in den USA von der FBI-Trainerin Karen T. Taylor hat beibringen lassen.

Mit dem ersten Tagwerk ist allerdings nur der leichtere, technische Teil der Rekonstruktion erledigt. Tatsächlich sieht der braune Knetkopf noch ziemlich anonym aus. "Es gibt etliche offene Details, die man am Knochen nicht erkennen kann", räumt Niess ein, die den Kopf nun einer "künstlerischen" Bearbeitung unterzieht. Relativ leicht ist noch die Breite der Nase einzuschätzen, da es einen engen Zusammenhang zur Größe der Nasenhöhle im Skelett gibt. Keinerlei Hinweise gibt der Schädel hingegen auf die Form der Ohren, die aus nicht rekonstruierbarer Knorpelmasse bestehen.

Manchmal sind die Plastiken zu perfekt.

Die Glasaugen setzt die Rechtsmedizinerin exakt in die Mitte der Augenhöhlen und lässt ansonsten ganz viel anatomische Kenntnisse und künstlerisches Talent in das "Finishing" einfließen. Schließlich sind Alter und Geschlecht der Leiche nach einer Knochenanalyse bekannt, häufig gibt es auch weitere Hinweise etwa auf die Haarfarbe oder die ethnische Herkunft des Toten. "Einem Rothaarigen würde ich nie dunkle Augen einsetzen", nennt die Medizinerin eine nahe liegende Folgerung aus solchen Details.

Niess hat auch aus Fehlern gelernt. Ein Mordopfer aus dem Wald bei Mörfelden-Walldorf hat sie 2002 aufwendig mit einer perfekten Perücke ausgestattet. Als der Fall nach zehn Monaten harter Ermittlungsarbeit gelöst wurde, sah der Mann in der Realität weit ungepflegter aus. "Zu viele Details lenken die Betrachter von den wesentlichen Gesichtsmerkmalen ab", folgerte die Rechtsmedizinerin. Was sie nicht genau weiß, modelliert sie möglichst unauffällig. Wichtig sei der Wiedererkennungswert der Grundzüge. "Wir suchen die Leute, die das Opfer richtig gut gekannt haben."

Mit dem Problem der möglicherweise zu perfekten Bilder kämpft auch die Freiburger Rechtsmedizinerin Ursula Wittwer-Backofen. Im Gegensatz zu Niess hat sie sich vom eigenhändigen Modellieren verabschiedet und nutzt Phantombild-Vorlagen des Bundeskriminalamtes, um am Computer deutlich kostengünstiger ihre ebenfalls auf das Knochenbild gestützten Antlitze zu entwerfen. Allerdings fehlt diesen Fahndungsbildern die räumliche Dimension, es besteht also nicht die Möglichkeit, das Gesicht und den Kopf aus verschiedenen Winkeln zu betrachten und aufzunehmen.

In der Bewertung der unterschiedlichen Verfahren hält sich das BKA zurück: "Das ist Sache der Länderpolizeien, wem sie die Aufträge zur Gesichtsrekonstruktion geben", sagt eine Sprecherin. In Deutschland kommen in den meisten Fällen Rechtsmediziner an die wenigen Aufträge, nur wenige Polizeidienststellen wie das LKA in Sachsen-Anhalt leisten sich eigene Spezialisten. Rund 900 Euro verlangen die Frankfurter für eine Rekonstruktion. Die Traditionalistin Niess will aber keinesfalls als Computergegnerin dastehen. Gerne würde sie am Rechner einem exakt vermessenen Schädelmodell virtuelle Weichteile aufsetzen und diese dann künstlerisch veredeln. "So ein Programm gibt es aber noch nicht."

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