Ärzte Zeitung online, 19.08.2008

Als Medizinstudent in Toronto betreut man rasch selbst Patienten

TORONTO. Das Medizinstudium, zumal wenn es um praktische Übungen geht, ist in Deutschland eintönig und mitunter wenig lehrreich. Das denken viele Studenten, vor allem wenn es um die Famulatur geht: Außer Blutabnehmen nix gewesen. Im Ausland ist alles viel besser, glauben viele. Wirklich? Jan-Malte Ambs, angehender Arzt und freier Mitarbeiter der "Ärzte Zeitung", probiert es gerade aus. In Toronto.

Von Jan-Malte Ambs

Foto: rrruss©www.fotolia.de

Famulaturen in deutschen Krankenhäusern sind häufig (aber natürlich nicht immer!) langweilig. Ärzte haben keine Zeit, sind überfordert vom Spagat aus Patientenbetreuung, Sozialarbeit und Bürokratie. Für untrainierte Medizinstudenten bleibt da keine Zeit. Unterricht? Fehlanzeige. Lieber die Studenten den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag Blut abnehmen lassen. Das übt. Und irgend jemand muss es ja machen.

So weit das unter Hamburger Studentenverbreitete Vorurteil. In den englischsprachigen Ländern soll da-gegen alles besser sein. Wirklich? Ich habe es ausprobiert. Nach vier Wochen auf der Neurologie im Toronto Western Hospital in Kanada habe ich die Halbzeit erreicht. Und tatsächlich: Kanada ist anders.

Unterricht ist essenzieller Bestandteil der Woche, ja jeden Tages. Es gibt Stroke Rounds in der Radiologie, Movement Disorder Rounds mit Video-Fallvorstellungen und den half day am Freitagmorgen mit Vorlesungen und Vorträgen. Während der "Case Conference" am Mittwoch mit Fallvorstellungen spendiert die Klinik Pizza und Getränke. Unterricht und Fallvorstellungen finden wie selbstverständlich in der Mittagspause statt. Zu den "Neuroscience Grand Rounds" werden häufig Experten und Spezialisten aus aller Welt eingeladen, um vor der versammelten Ärzteschaft zu referieren. Weiterhin nehmen sich Mitarbeiter und Vorgesetzte jede Woche drei Mal Zeit, um für ihr Team Unterricht über neurologische Grundlagenthemen zu geben.

Für so viel guten Unterricht erwarten die Kanadier aber auch Gegenleistungen. Als "elective student" bin ich hier ein Bestandteil des Ärzteteams. Ich muss meine eigenen Patienten betreuen, Konsile machen, Untersuchungen und Therapien anordnen. Alles aber mit Rückendeckung erfahrener Assistenten und Oberärzte.

So viel Eigenverantwortung bin ich als deutscher Student nicht gewohnt. Doch spätestens nach der zweiten Woche habe ich mich akklimatisiert. Eins wird mir klar: Kanadische Medizinstudenten werden weitaus praxisnäher ausgebildet. Selbst Rufbereitschaftund Nachtschicht gehört bei ihnen selbstverständlich zum Studium dazu.

Das Klima unter Ärzten und Studenten ist freundlich bis herzlich, die flachen Hierarchien sind sehr angenehm. Auch die Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal ist unproblematisch. Schwestern und Pfleger haben weitaus mehr Kompetenzen als ihre deutschen Kollegen und agieren damit unabhängiger von ärztlichen Anweisungen. Die Ärzte stammen aus China, Indien und arabischen Ländern, das Pflegepersonal ist zum größten Teil asiatisch oder afroamerikanisch und auch die Studenten kommen aus allen Ecken der Welt.

Zwischenfazit nach der Hälfte der Zeit im Toronto Western Hospital: Genau so sollten Famulaturen immer sein!

Zur Person

Jan-Malte Ambs ist freier Mitarbeiter der "Ärzte Zeitung" und studiert im 10. Semester Medizin und Journalistik an der Universität Hamburg. Zur Zeit macht er eine Famulatur in der Neurologie am Toronto Western Hospital.

Lesen Sie auch den ersten Bericht von Jan-Malte Ambs aus Toronto:
Medizinstudium in Kanada: Ohne Vorstudium und Tests geht nichts

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