Ärzte Zeitung online, 21.08.2008

Psychologe: Angehörige auffangen - "Wirklich helfen kann man nicht"

GLADENBACH (dpa). Nach einer Katastrophe, wie dem Flugzeugunglück von Madrid, können Psychologen lediglich versuchen, die Überlebenden und die Angehörigen aufzufangen. "Wirklich helfen kann man nicht", so der Traumatherapeut Georg Pieper. Von diesem Anspruch müssten die Betreuer auch freigemacht werden.

"Man kann diesen Menschen natürlich nicht aus der Situation heraushelfen. Es ist ein furchtbarer Schlag, wenn man von einer auf die andere Minute vom Tod seines Liebsten hört", sagte Pieper in einem Gespräch mit der Hörfunkagentur dpa-audio & video service. Pieper ist auch der deutsche Vertreter für Katastrophenpsychologie auf europäischer Ebene.

"Das A und O, was diese Helfer geben können, ist menschlicher Beistand. Dabeistehen und eben nicht weglaufen vor diesem Elend, diesem Schmerz." Die Menschen bräuchten vor allem Hinweise, wie sie wieder ein bisschen zur Ruhe kommen könnten.

"Sie brauchen einen ruhigen Platz, sie brauchen zu trinken, zu essen und eine Abschirmung von der Presse", sagte Pieper. Keinesfalls gehe es um irgendwelche therapeutischen Interventionen und Aufarbeitungen des Traumas. "In erster Linie geht es darum, Basisbedürfnisse zu befriedigen und wieder so ein bisschen mehr Kontakt zur Wirklichkeit herzustellen", erklärte der Psychologe.

Eine weitere wichtige Aufgabe der Psychologen sei es, den Überlebenden die Todesangst zu nehmen. "Denn Menschen, die etwas so Schreckliches erlebt haben, haben oft tagelang das Gefühl noch immer in der Todesgefahr zu leben."

Aber nicht nur die Anwesenden am Unglücksort bräuchten psychologische Betreuung. Auch entfernte Beobachter von schweren Unfällen stünden häufig unter Schock. "Wir haben zum Beispiel bei Untersuchungen zu der ICE-Katastrophe von Eschede (1998) herausbekommen, dass die Menschen und Angehörigen, die zu Hause sitzen und das ganze lediglich im Fernsehen verfolgen, genauso traumatisiert sein können, wie die Menschen, die das Ganze selber erlebt haben." Zur Zeit seien daher auch viele Psychologen in ganz Spanien im Einsatz.

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