Ärzte Zeitung online, 01.09.2008

Angst vor Schwarzen Löchern - Dennoch startet der Teilchenbeschleuniger LHC

STRAßBURG (dpa). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat eine Forderung zum Stopp der weltweit größten Forschungsmaschine am Freitag abgewiesen. Eine private Initiative hatte einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen den Betriebsbeginn des Teilchenbeschleunigers LHC in der Schweiz eingereicht. Sie fürchtet, dass die Maschine kleine Schwarze Löcher erzeugen könnte, die die Erde verschlucken.

Eine Expertenkommission des Europäischen Teilchenforschungslabor CERN bei Genf, das den LHC betreibt, hatte die Anlage zuvor als sicher bewertet. Zum selben Schluss kam auch die deutsche Kommission für Elementarteilchenphysik (KET). Der US-Physiknobelpreisträger Professor David Gross hatte die Diskussion gar als "albern und absurd" bezeichnet.

Der "Large Hadron Collider" (LHC) soll am 10. September in den Testbetrieb gehen. Noch nicht entschieden ist allerdings über die eigentliche Grundrechtsbeschwerde der Initiative, wobei der Gerichtshof zunächst die Zulässigkeit prüft. Ein Termin für das Ergebnis ist noch nicht bekannt. Die Beschwerdeführer hatten eine Verletzung des Rechts auf Leben und auf Achtung des Privatlebens geltend gemacht. Der LHC soll offiziell am 21. Oktober in einer Zeremonie eröffnet werden.

Versenkt Teilchenbeschleuniger die Erde in einem Schwarzen Loch?

Im "Large Hadron Collider" (LHC) sollen Atomkerne mit bislang unerreichter Energie kollidieren, um neue Aspekte der Natur zu offenbaren. Damit Ängste zu schüren, sei "unverantwortlich", sagt der theoretische Physiker Professor Wilfried Buchmüller vom Deutschen Elektronen- Synchrotron (DESY) in Hamburg zu dpa.

Am LHC ist nichts fundamental anders als an früheren Beschleunigern, wie Buchmüller sagte. Dieselbe Frage hätte man also schon bei HERA in Hamburg, beim Tevatron in den USA oder bei LEP in Genf stellen können. Die Diskussion zeige, dass am LHC hochinteressante Entdeckungen erwartet werden. Aber damit Ängste zu schüren, halte er für unverantwortlich. Alles, was wir nicht wissen, sei dann prinzipiell gefährlich.

Der Name Mini-Black-Holes ist sehr irreführend

Auf die Frage, ob der LHC denn Schwarze Löcher erzeugen könne, antwortet Buchmüller: "Zunächst einmal: Es geht um sogenannte Mini Black Holes, also Mini-Schwarze-Löcher. Das ist aber etwas ganz anderes als die Schwarzen Löcher, die wir aus der Relativitätstheorie und Astrophysik kennen. Die Bezeichnung ist leider sehr irreführend. Aber der Name macht sich eben gut, wenn man eine wissenschaftliche Veröffentlichung schreibt.

Bekannte Schwarze Löcher haben sehr große Massen, einige Dutzend bis viele Millionen Mal so viel wie die Sonne. Der hier gemeinte theoretische Quantenzustand entspricht dagegen eher einer Art Elementarteilchen. Die Idee ist übrigens nicht neu. Aber die führenden Fachleute sind sich nach wie vor nicht einig, ob sich so etwas überhaupt erzeugen lässt."

Für Mini-Black-Holes gibt es keine akzeptierte Theorie

Sobald man etwas Neues macht, kann man nie mit absoluter Sicherheit sagen, was passiert - sonst wäre es ja nicht neu, wie Buchmüller sagte. Für die Mini Black Holes habe man zurzeit gar keine allgemein akzeptierte Theorie. Welche Eigenschaften sie hätten, falls es sie überhaupt gibt, wisse man nicht. Dass sie sich verhalten könnten wie Schwarze Löcher, sei lediglich eine Annahme.

"Aber selbst wenn die zutrifft, würden die Mini Black Holes wahrscheinlich in Sekundenbruchteilen wieder zerfallen, weil sie die Masse, die sie verschlucken, wahrscheinlich gleich als Energie wieder abstrahlen. Die Beobachtung wäre aber sehr interessant, weil die fundamentale Skala der Gravitation dann sehr viel kleiner sein müsste als gegenwärtig angenommen. Das könnte ein Hinweis auf die Existenz zusätzlicher Dimensionen sein, für die es zwar sehr ernst zu nehmende theoretische Argumente, aber bislang keinen experimentellen Beleg gibt", sagte Buchmüller.

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