Ärzte Zeitung online, 09.09.2008

Aufsehenerregende Bilder: Geburt bei Neandertalern am PC rekonstruiert

ZÜRICH (eb). Neandertaler hatten bei der Geburt ein ähnlich großes Gehirn wie wir Menschen - entsprechend groß war ihr Kopf und entsprechend schmerzhaft und schwierig war ihre Geburt. Nach der Geburt wuchs ihr Gehirn aber schneller als beim Homo sapiens und wurde auch größer. Das alles haben Forscher anhand eines neugeborenen Neandertalers rekonstruiert - und noch mehr Erkenntnisse gewonnen.

Virtuelle Rekonstruktion einer Neandertaler-Geburt, basierend auf den Funden des Mezmaiskaya-Babys und der Tabun-Frau.

Foto: Ch. Zollikofer / Universität Zürich

Dr. Marcia Ponce de León und Professor Christoph Zollikofer vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich untersuchten die Geburt und die Gehirnentwicklung an einem Neandertaler-Neugeborenen aus der Mezmaiskaya-Höhle in der Krim. Dieses Neandertalerkind, das kurz nach der Geburt starb, war offensichtlich so sorgfältig begraben worden, dass es nach etwa 40 000 Jahren Ruhezeit in den eiszeitlichen Höhlensedimenten wohlbehalten geborgen werden konnte.

Das Skelett wurde am PC aus 141 Einzelteilen rekonstruiert

Der bis heute einzige wirklich gut erhaltene Fund eines neugeborenen fossilen Menschenartigen liefert neue Erkenntnisse, wie sich im Lauf der Evolution die sehr spezielle Art der menschlichen Individualentwicklung herausgebildet hat. Ponce de León und Zollikofer rekonstruierten das Skelett am Computer aus 141 Einzelteilen.

Sie stellten fest, dass sein Gehirn bei der Geburt genau so groß war, wie das eines typischen menschlichen Neugeborenen. Es hatte ein Volumen von etwa 400 Kubikzentimetern. Das Skelett war aber bedeutend robuster ausgebildet als das eines modernen menschlichen Neugeborenen, so die Wissenschaftler in einer Mitteilung der Uni Zürich.

Der Geburtsprozess wurde am Computer simuliert

Um die Frage zu klären, ob der Kopf eines Neandertaler-Babys wie beim Menschen bei der Geburt gerade noch durch den Geburtskanal des mütterlichen Beckens passt, rekonstruierten sie ein weibliches Neandertalerbecken, das bereits in den 1930er Jahren gefunden wurde. So gelang es, den Geburtsprozess zu simulieren.

Computerunterstützte Rekonstruktion der Skelette von Neandertaler-Kindern. Links das Mezmaiskaya.Baby und rechts ein 19-monatiges Kind.

Foto: Ch. Zollikofer / Universität Zürich

Die Computerrekonstruktion zeigt, dass der Geburtskanal dieser Frau breiter war als der einer Homo-sapiens-Mutter, der Kopf des Neandertaler-Neugeborenen aber wegen seines relativ robusten Gesichts etwas länger als der eines menschlichen Neugeborenen. Somit war bei den Neandertalern die Geburt wohl ähnlich schwierig wie bei unserer eigenen Art.

"Wahrscheinlich handelt es sich bei der Neugeborenen-Gehirngröße von 400 Kubikzentimetern um ein evolutionäres Geburtslimit, das bereits beim letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Neandertaler erreicht worden war" folgert Zollikofer. "Das würde bedeuten, dass wir bereits seit 500 000 Jahren einen hohen evolutionären Preis in Form von Geburtsproblemen für unser großes Gehirn zahlen."

Die Entwicklung vom Baby bis zum Kind wurde mithilfe weiterer Skelette untersucht

Um die Entwicklung nach der Geburt zu studieren, untersuchten die Forschenden zusätzlich zum Mezmaiskaya-Neugeborenen weitere Neandertaler-Kinder bis zu einem Alter von etwa vier Jahren. Erstaunlich ist, dass das Neandertaler-Gehirn während der Kindheit noch schneller wuchs als dasjenige des Homo sapiens. Bis jetzt ging man davon aus, dass die Folge des schnellen Wachstums eine kürzere Lebensspanne und eine hohe Sterblichkeit war nach dem Motto "live fast - die young".

Die neuen Untersuchungen zeigen aber, dass das Neandertaler-Gehirn zwar schneller wuchs als unseres, aber auch im Schnitt ein größeres Erwachsenenvolumen erreichen musste. Somit ist die Dauer des Hirnwachstums bei beiden Menschenarten gleich.

Das große Gehirn hatte Folgen für die Lebensgeschichte der Neandertaler

Das große Gehirn hatte Folgen für die Lebensgeschichte (Schwangerschaft, Geschlechtsreife, Lebenserwartung) der Neandertaler. Damit Kinder rasch ein großes Gehirn entwickeln, brauchen sie zusätzliche Energie und Nahrung, die die Mütter liefern. Dazu waren nur Mütter in der Lage, die selber die nötige Konstitution entwickelt hatten. Dadurch hatten sie etwas später ihr erstes Kind.

Vergleicht man nun die gesamte Lebensgeschichte eines durchschnittlichen Neandertalers mit derjenigen eines modernen Menschen, ergibt sich ein Bild, das erheblich von der Lehrmeinung abweicht: Die Entwicklung der Neandertaler war wohl ebenso langsam wie die des modernen Menschen, wenn nicht sogar etwas langsamer.

"Was Geburt, Hirnentwicklung und Lebensgeschichte angeht, sind wir einander erstaunlich ähnlich"

Trotz bedeutender körperlicher Unterschiede zwischen Mensch und Neandertaler seit der Geburt gehorchen letztlich beide Arten denselben Einschränkungen, die uns die Gesetze der Physiologie, Entwicklung und Evolution auferlegen. "Was Geburt, Hirnentwicklung und Lebensgeschichte angeht, sind wir einander erstaunlich ähnlich", sagt Ponce de León.

Die Studie wird in der Kalenderwoche 28 / 2008 im Journal "Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS" erscheinen.

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