Ärzte Zeitung online, 09.09.2008

"Historischer Tiefstand" bei Suizid - 2007 nahmen sich 9402 Menschen das Leben

DÜSSELDORF (dpa). Die Selbstmordrate in Deutschland ist nach Expertenaussagen auf einen historischen Tiefstand gesunken: Bundesweit nahmen sich 9 402 Menschen im vergangenen Jahr das Leben. Im Jahr 2005 lag diese Zahl noch bei 10 260, vor einem Jahrzehnt bei rund 12 000 gelegen.

Allerdings müsse man zu den Angaben des Statistischen Bundesamtes noch eine hohe Dunkelziffer unerkannter Suizide hinzurechnen, sagten Ärzte und Psychiater des "Bündnisses gegen Depression" am Dienstag in Düsseldorf. Möglicherweise liege die wirkliche Zahl um ein Viertel höher als in der amtlichen Statistik verzeichnet, hieß es zum Welttag der Suizid-Vermeidung an diesem Mittwoch.

Laut Statistik starb 2007 in der Bundesrepublik im Schnitt alle 47 Minuten ein Mensch durch eigenen Entschluss. Trotz stetig sinkender Suizidrate, die vermutlich auf bessere Beratung und Behandlung bei Depressionen und einer "Enttabuisierung" dieses Themas zurückzuführen sei, kommen nach Expertenangaben immer noch mehr Deutsche durch Freitod ums Leben als durch Verkehrsunfälle, Drogen und Gewaltverbrechen zusammen.

Psychiater fordert Zurückhaltung bei Berichten über Suizide

Besondere Zurückhaltung in der Medien-Berichterstattung über Selbsttötungen forderte der Düsseldorfer Psychiater Privatdozent Tillmann Supprian. Genaue Schilderung von Ort und Methode fördere den Nachahmereffekt. Supprian: "Wenn sehr konkret eine bestimmte Brücke beschrieben ist, steigt die Suizid-Quote dort."

Bis zu 70 Prozent aller Selbsttötungen gingen auf eine Depression zurück. Dies sei "eine gut behandelbare Erkrankung, aus der man aber allein nicht herauskommt", erklärten die Experten. "Mit Sicherheit" kündigten mehr als die Hälfte der Suizid-Gefährdeten ihre tödliche Absicht an, sagte die Psychiatrie-Oberärztin der Rheinischen Kliniken Düsseldorf, Dr. Birgit Janssen: "Es ist wichtig, dass man Hinweise ernst nimmt."

Die Suizidrate liegt im Osten höher als im Westen - aber warum?

Aus unbekannten Gründen liege die Zahl der Selbstmorde im Osten Deutschlands deutlich höher als im Westen, sagte Janssen. Dies habe nichts mit der DDR-Vergangenheit oder den wirtschaftlichen Problemen der Region zu tun. "Dieses Phänomen kannte man schon vor dem Zweiten Weltkrieg", erklärte die Ärztin.

In der Statistik für 2005 lag Nordrhein-Westfalen auf dem letzten Platz der Bundesländer, Sachsen hingegen an der Spitze, schilderte Janssen. Besonders häufig nahmen sich Menschen in den mittleren Lebensjahren und in höherem Alter das Leben. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren belief sich die Zahl der Selbsttötungen auf 23.

Hilfsangebote im Internet:

www.suizidprophylaxe.de

www.telefonseelsorge.de

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