Ärzte Zeitung online, 15.09.2008

Kranke hoffen auf Kraft für den Alltag nach Papstbesuch in Lourdes

LOURDES (dpa). Sonst zählen sie als Minderheit, dieses Mal waren sie in der Mehrheit. Ein Meer aus Rollstühlen und Krankenliegen auf Rädern erstreckte sich vor der Rosenkranz-Basilika im Wallfahrtsort Lourdes. Tausende von Kranken und Behinderten aus aller Welt waren gekommen, um den Papst zu sehen, unter ihnen auch zahlreiche Kinder.

Viele von ihnen kommen regelmäßig nach Lourdes. Manche erhoffen sich ein Wunder, die Heilung ihrer Gebrechen. Andere sind froh, wenn sie spüren, dass sie nicht allein sind und im Glauben neue Energie für den Alltag finden. Papst Benedikt XVI. feierte am Montag nahe der Grotte, in der die Müllerstochter Bernadette vor 150 Jahren ihre Marienerscheinungen hatte, eine Messe speziell für die Kranken.

Lea Brune aus Papenburg im Emsland leidet seit zwölf Jahren an einer Krankheit, die ihre Wirbelsäule zusammenwachsen lässt. Die 44- Jährige Rollstuhlfahrerin rechnet nicht damit, dass sie in Lourdes davon plötzlich geheilt wird. "Das ist eher unwahrscheinlich. Aber ich schöpfe so viel Kraft aus den Gebeten, wenn ich in der Grotte den Felsen berühre und das Quellwasser trinke", sagte sie. Sie hat deswegen schon häufiger den Pyrenäenort Lourdes mit seinen Marienheiligtümern besucht. "Mir geht es anschließend gesundheitlich immer besser", sagt sie.

Halbseitig gelähmte Ärztin: "Viele Heilungen geschehen im Inneren"

Auch Andrea Leffers, die ebenfalls aus Papenburg kommt, ist skeptisch, dass sie ein Wunder erleben könnte. Die 44-Jährige Ärztin und Mutter zweier Kinder ist seit einem Schlaganfall in jungen Jahren halbseitig gelähmt. "Viele Heilungen geschehen im Inneren", sagte sie. "Es kommt nicht darauf an, ob die Kirche Wunder offiziell anerkennt." Sie sei nach Lourdes gekommen, um "Kraft für den Alltag" zu finden, sagte sie.

Schon Stunden vor der Messe hatte die junge Französin Hélène Damon sich einen Platz in der ersten Reihe gesichert. Auf dem Schoß hielt sie ihre eineinhalbjährige Tochter, die sie in eine dicke rosa Decke eingewickelt hat. "Ich bin hergekommen, um für Philippine zu beten", sagte sie. Die Kleine ist mit einer genetischen Krankheit geboren und wird nie laufen können.

"Ich hoffe nicht auf ein Wunder, aber ich brauche Mut, um damit leben zu können", sagt die junge Mutter. "Noch ist sie klein, da merkt man die Behinderung nicht so. Aber ich habe Angst, wie es später sein wird", fügte sie hinzu. Es tue gut, zu wissen, dass sie nicht allein sei mit ihrem Schicksal.

Mutter eines autistischen Jungen: "Natürlich glaube ich an Wunder"

Margret Clarke ist aus Irland angereist. Die 53-Jährige hat einen zehn Jahre alten autistischen Sohn, der nicht sprechen kann. "Natürlich glaube ich an Wunder", sagt sie. "Das ist Teil unseres Glaubens." Sie ist schon zum siebten Mal mit Patrick nach Lourdes gereist. "Meine Schwester, die an Nierenversagen leidet, ist auch in Lourdes gewesen. Einen Monat später hat sie eine Spenderniere bekommen. Das ist doch ein Wunder, oder?", sagt sie.

Die Kirche hat von den Tausenden angeblichen Spontanheilungen in Lourdes bislang 67 als Wunder anerkannt. Bis zur Anerkennung eines Wunders können Jahre vergehen. Jeder Fall wird gründlich geprüft, ob es nicht doch eine medizinische Erklärung dafür gibt.

Die meisten kirchlich anerkannten Wunder gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In jüngster Zeit wurde allenfalls ein Fall pro Jahrzehnt anerkannt. Auch Papst Benedikt hielt sich mit Wunderversprechen zurück. "Christus ist kein Arzt im weltlichen Sinn", betonte der Papst. "Aber die Anwesenheit Christi kann die Isolierung durchbrechen, die die Krankheit verursacht", fügte er hinzu.

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