Ärzte Zeitung, 01.12.2008

Mit dem Schulabschluss raus aus der Abhängigkeit

Das Leben in der Drogenszene und der Besuch einer Schule passen oft nicht zusammen. Wer ohne Sucht leben will, bekommt im Bildungszentrum Hermann Hesse in Frankfurt eine Chance auf den Abschluss.

Von Pete Smith

Lernen, nachdem sie mit Drogen schon alles erlebt haben: Die Klasse am Bildungszentrum Hermann Hesse ist mit neun Schülern übersichtlich. Angst haben die Schüler vor einem Rückfall in den Ferien.

Fotos: Smith

Jasmin war 18, als sie das erste Mal einen Joint rauchte. Ihr neuer Freund kiffte regelmäßig, da wollte die junge Frau aus einer Kleinstadt in Baden-Württemberg nicht nachstehen. Bald dominierten die Drogen ihren Alltag. Familiäre Probleme kamen dazu, sie brach die Schule ab und suchte sich einen Job, gab ihn bald wieder auf, um nach Frankfurt zu ziehen. In der Bankenmetropole wurde viel gefeiert, Drogen gehörten dazu. Jasmin probierte alles - Speed, Ecstasy, Kokain - bis nichts mehr ging. Ein Job in der Altenbetreuung brachte die Wende. Die heute 26-Jährige entschied sich für eine Entgiftung. Während der Therapie erfuhr sie vom Bildungszentrum Hermann Hesse (BZH), wo sie trotz ihrer Suchtprobleme das Abitur nachholen könnte -die Chance, nach der sie sich sehnte.

Ein Realschulabschluss ist auch noch mit 33 möglich

Kim und Marie möchten unerkannt bleiben. Beide holen ihr Abitur nach und wollen Schauspieler und Journalisten werden.

Das BZH ist eine europaweit einmalige Einrichtung. Das vierstöckige Haus liegt in einer unscheinbaren Gegend im Frankfurter Süden und fällt, wenn überhaupt, nur durch eine Kletterwand an der Außenfassade auf. 1971 aus dem katholischen Haus der Volksarbeit hervorgegangen, bietet die Rehabilitationseinrichtung für junge Menschen mit Suchtproblemen heute Platz für 140 Schüler zwischen 16 und 35 Jahren. Einige sind Alkoholiker, andere essgestört, die meisten jedoch abhängig von illegalen Drogen - Heroin, Kokain, zunehmend auch Marihuana.

Melanie hat lange Jahre "alles durch die Bank" genommen - Kokain, Heroin, Crack. Als Jugendliche brach sie ihre Ausbildung ab, zog von Aschaffenburg nach Frankfurt, wo sie zur Szene gehörte. Zweieinhalb Monate verbrachte sie im Gefängnis, an einer kontaminierten Nadel infizierte sie sich mit Hepatitis C. Vor acht Jahren entschied sie, dass es so nicht mehr weitergehen durfte. Vergangenes Jahr hat die heute 34-Jährige am BZH ihren Realschulabschluss nachgeholt, jetzt will sie ihr Fachabi machen. Was danach kommt, weiß sie noch nicht. Aber ihr Vertrauen in die Zukunft sei groß.

Träger des Bildungszentrums Hermann Hesse ist der Frankfurter Suchthilfeverbund Jugendberatung und Jugendhilfe e. V. Geleitet wird die Einrichtung von der Pädagogin Ute Bindingshaus und dem Sozialarbeiter Gunter Schmidt. Dem BZH angeschlossen sind sechs Wohnungen mit je zwei Plätzen für Betreutes Wohnen sowie ein eigenes Café. Enge Beziehungen pflegt man zu Ärzten, Kliniken, Entgiftungseinrichtungen, Ämtern, Sucht- und Beratungshilfen. "Ohne die anderen Einrichtungen wären wir nichts", sagt Gunter Schmidt.

Das BZH nimmt Schüler aus ganz Deutschland auf. Zur Zeit stammen 90 Prozent der 140 Schüler aus Hessen. Grund: Das BZH ist bundesweit wenig bekannt, außerdem ist die Mobilität vieler Suchtkranke gering. Viele wollten aber ihren Abschluss nachholen. "Man bräuchte 15 solcher Schulen, um den Bedarf in Deutschland decken", schätzt Schmidt.

Kim stammt aus Mainz. Er wuchs in einem reichen Elternhaus und gutem Umfeld auf. Schon mit 13, 14 kam er mit Kokain in Kontakt. Die Identitätskrise des heranwachsenden Schwulen verstärkte seine Sucht. Er zog nach Frankfurt, konsumierte Ecstasy, Speed, Alkohol und andere Drogen. Als eine Freundin an einer Überdosis starb, beschloss er die Kehrtwende. Seit drei Jahren ist Kim clean. Vergangenes Jahr beendete er die 10. Klasse. Jetzt will der 19-Jährige sein Abitur machen. Sein Berufsziel: Schauspieler. Er ist sich sicher, nie wieder abzurutschen. "Wenn ich Leute von früher sehe, widert es mich an, was aus ihnen geworden ist."

Wer an dem BZH aufgenommen werden will, muss einen Lebenslauf, eine Beschreibung der Suchtproblematik, das letzte Schulzeugnis, ein ärztliches Gutachten und die Kostenübernahme durch die überörtlichen Sozialhilfeträger einreichen. "Die Bedingung zur Aufnahme ist der Wille für ein Leben ohne die Sucht", sagt Sozialarbeiter Schmidt.

Einstiegsjahr ist die neunte Klasse. Innerhalb eines Jahres können Schüler ihren Hauptschulabschluss erreichen, in ein bis zwei Jahren ihren Realschulabschluss. Für die Fachhochschulreife sind durchschnittlich zweieinhalb Jahre zu veranschlagen, fürs Abitur dreieinhalb Jahre. "Ich glaube, wir sind sogar weltweit die einzige vergleichbare Einrichtung, die auch den höchsten Schulabschluss anbietet", sagt Schmidt. In jeder Klasse sitzen neun Schüler - in so einem Klassenverband bleiben Lehrkräften und Mitschülern Probleme oder Rückfälle nicht verborgen.

"Wer Suchtmittel hierher bringt, der fliegt!"

Üblich sind auch Urinkontrollen. Denn wer es ins BZH geschafft hat, ist nicht automatisch kuriert oder führt ein Leben in Abstinenz. "Jeden Tag gibt es mindestens einen regelwidrigen Konsum", macht Schulleiterin Ute Bindingshaus klar. Da trinkt einer am Abend mal zwei Gläser Wein oder ein anderer raucht einen Joint. Allein deshalb aber fliegt keiner. "So lange sich jemand helfen lässt", so Schmidt, "kann er hier bleiben. Wer aber Suchtmittel mit herbringt, fliegt. Das Nest muss sauber bleiben."

Marie wuchs bei ihrem Vater in einem kleinen Dorf in Bayern nahe der tschechischen Grenze auf. Sie habe, wie sie sagt, die "klassische Drogenkarriere" hinter sich: mit zwölf Alkohol, dann Haschisch und Marihuana, zwei Jahre später Benzodiazepine, dann Koks. Mit 14 versuchte sie sich umzubringen. Sie kam zu Pflegeeltern, zog nach Nürnberg und nahm dort zum ersten Mal Heroin. Mit 17 folgte die erste Entgiftung, danach hatte sie immer wieder Rückfälle. Schließlich lernt sie ihren heutigen Freund kennen und wird schwanger - ihr Glück. Beide besorgen sich einen Substitutionsplatz. Ihr Kind kommt gesund zur Welt. Während der Therapie erfährt die heute 21-Jährige von der Hesse-Schule. Im August 2007 wird sie dort angenommen. Jetzt will sie Abitur machen, danach Germanistik studieren. Ihr Traumjob: Journalistin.

Ohne das Bildungszentrum Hermann Hesse, da sind sich Jasmin, Melanie, Kim und Marie einig, hätten sie keine Chance auf einen höheren Schulabschluss gehabt. Für ein normales Gymnasium sind sie zu alt, zu krank, zu labil. "Hier muss man seine Krankheit nicht verstecken", sagt Melanie. "Hier hat man auch Verständnis für die normalen Probleme des Alltags", ergänzt Kim. Das größte Problem ist aber die unterrichtslose Zeit. In den vergangenen 25 Jahren sind 60 Schüler des BZH gestorben. Die meisten in den Ferien.

Das Bildungszentrum Hermann Hesse in Frankfurt

Das Bildungszentrum Hermann Hesse in Frankfurt am Main ist eine Rehabilitationseinrichtung für junge Menschen bis 35 Jahren mit Suchtproblemen. Die Schule hat den Status einer staatlich anerkannten privaten Sonderschule und verfügt über 140 Plätze für Schüler, zwölf Plätze für Betreutes Wohnen und ein Café. Diese können hier den Hauptschul- oder Realschulabschluss, die Fachhochschulreife sowie das Abitur nachholen. Über die Vermittlung eines Schulabschlusses hinaus ist das erklärte Ziel der Betreiber, die jungen Menschen zu einem selbstständigen und eigenverantwortlichen Leben ohne Suchtmittel zu befähigen. Dazu gehören Hilfen zur Stabilisierung der Suchtmittelabstinenz und zur Erhöhung der Selbstkontrolle bei psychischen Problemen. (Smi)

Bildungszentrum Hermann Hesse, Hainer Weg 98, 60599 Frankfurt am Main, Telefon 069-6809090, Fax 069-68090922, E-Mail bzh@jj-ev.de, Internet www.drogenberatung-jj.de

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