Ärzte Zeitung, 02.10.2008

Ohne Papiere und krank - ein Fonds soll helfen

Ihre genaue Zahl kennt niemand: Etwa eine Million Menschen ohne Aufenthaltspapiere sind in Deutschland für ihre Gesundheitsversorgung auf Hilfe engagierter Ärzte angewiesen.

Von Michael Evers

Ambulante Versorgung bei Menschen ohne Papiere - Betroffene fürchten häufig, entdeckt zu werden.

Foto: imago

Sie fürchten jeden Gang zum Hausarzt oder in eine Klinik, weil ihnen damit Entdeckung und Abschiebung droht: Menschen ohne Aufenthaltspapiere in Deutschland. Sie müssen sich auf kostenlose Hilfe engagierter Mediziner und auf karitative Netze vertrauen, da sie keine Krankenversicherung haben.

Um auch Operationen oder teure Medikamente finanzieren zu können, hat die evangelische Kirche in Niedersachsen einen Notfallfonds ins Leben gerufen. Unterdessen pochen Flüchtlings- und Ausländerorganisationen auf staatliches Handeln, um medizinische Hilfe für Menschen ohne Papiere zu gewährleisten.

Literweise Salbeitee -  die einzige Medizin

"Als ich Grippe mit hohem Fieber bekam, bin ich zur Apotheke gegangen, ich wollte Penicillin", erzählt die Peruanerin Monica. "Weil ich aber kein Rezept hatte, wurde ich wieder weggeschickt, zu Hause habe ich mir dann Tee gekocht." 25 Ausländer ohne Papiere befragte die Landeskirche in Hannover, um deren prekäre Lage zu illustrieren. Literweise Salbeitee war zunächst die einzige Medizin des erkrankten Türken Bedo, ein Arzt gab ihm dann Antibiotika und drängte auf eine Operation. "Ohne Geld und Versicherung - wie soll das gehen, habe ich ihn gefragt?" In der Klinik gab der 46-Jährige falsche Daten an, der Schwindel flog auf und nach der zweiten Operation wurde er noch in der Klinik verhaftet.

"Für die Krankenbehandlung für Menschen ohne Papiere gibt es in Deutschland leider keine Einigung", beklagt Bernd Mesovic von der bundesweiten Flüchtlingsorganisation "Pro Asyl". Jahrelange Bemühungen der Politik, etwa zur Schaffung einer anonymen Gesundheitskarte, seien bislang im Sande verlaufen.

Erst soll die Hilfe kommen, dann die Bürokratie.

Was gut klappe, sei die Vermittlung von Ausländern ohne Aufenthaltserlaubnis an Ärzte, die unentgeltlich Behandlungen vornähmen. Schwerer werde es, wenn Klinikeinweisungen und aufwendige Behandlungen anstehen. Selbst wohlgesinnte kirchliche Kliniken fragten sich dann mitunter: "Können wir uns das leisten?" Aus der Not heraus versuchten Kranke dann, mit der Versichertenkarte von Bekannten medizinische Hilfe zu erhalten.

"Ich finde es großartig, dass die Kirchen eine Initiative begonnen haben", sagte der Vorsitzende des Bundesausländerbeirates, Memet Kilic. Die Regierungen sollten über ihren Schatten springen, und zu einem Fonds wie nun in Niedersachsen beitragen und den Zugang zum Gesundheitswesen ermöglichen. "Die Menschenwürde verpflichtet uns, diesen Schritt zu tun." Ausländer ohne Papiere, das seien oft Menschen aus Krisenregionen, die im Hinterzimmer eines Restaurants schufteten, um sich und ihre Kinder durchzubringen. "Und wenn sie dann krank werden, können sie nicht zum Arzt." Kilic rief Ärzte dazu auf, betroffenen Ausländern zu helfen.

"Erst kommt die Hilfe, dann die Bürokratie", unterstreicht der Landesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands in Niedersachsen, Heinz Jarmatz. "Wir behandeln die Leute einfach mit, fertig aus", laute die Devise in seiner Praxis. Dies gebiete für ihn die Völkerfreundschaft und die Humanität. Umständliche staatliche Fonds zur Finanzierung dieser Behandlungen hält er für überflüssig. "Ich würde mir wünschen, dass das die Gemeinden vor Ort auf sich nehmen würden." Kliniken seien grundsätzlich zur Hilfe verpflichtet, gerade in Notfällen, sagt der Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Holger Mages. Belastet werde das Budget der Kliniken allenfalls durch aufwendige Operationen bei Patienten ohne Versicherung - dafür sei eine Lösung wünschenswert.

Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann forderte unterdessen Straffreiheit bei humanitärer Hilfe für Ausländer ohne Papiere. "Es ist Christenpflicht, jedem Menschen beizustehen, auch wenn er keine Aufenthaltspapiere hat", sagte die Bischöfin bei der Vorstellung des Notfallfonds. Auch der Bundesausländerbeirat verlangte Straffreiheit für Lehrer, Anwälte und Pfarrer, die den Ausländern zur Seite stehen. Diese machten sich mit ihrer Hilfe bisher mitunter strafbar. (dpa)

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