Ärzte Zeitung online, 02.10.2008

Robert-Koch-Institut macht eigene NS-Verstrickungen publik

BERLIN (dpa). Inhumane Menschenversuche und ein eklatanter Mangel an Zivilcourage - das ist in einer Kurzfassung die Bilanz des Berliner Robert Koch-Instituts zur Zeit des Nationalsozialismus. Seit dem Jahr 2006 hat die Bundesbehörde ihre dunkle Vergangenheit von einer internationalen Historiker-Kommission erforschen lassen.

"Für das Übertreten humanistischer Grundsätze, für die Verletzung der Würde und der körperlichen Unversehrtheit gibt es zu keiner Zeit der Welt eine Rechtfertigung", sagte RKI-Präsident Jörg Hacker am Mittwoch bei der Vorstellung der Abschlussergebnisse.

Das RKI war nach der Untersuchung ganz erheblich in die nationalsozialistische Gewaltpolitik verstrickt. Es hatte eine zentrale Stellung in der staatlichen Gesundheitsverwaltung und war zwischen 1935 und 1942 auch Teil des Reichsgesundheitsamtes.

Teilergebnisse der Forscher hatte das RKI in den vergangenen Jahren mitgeteilt. So war die Beteiligung von RKI-Wissenschaftlern an inhumanen Menschenversuchen in Konzentrationslagern und psychiatrischen Einrichtungen bereits bekannt.

Das RKI war fast vollständig von der NS-Ideologie durchdrungen

Durch das Forschungsprojekt kamen nach und nach jedoch eine Reihe neuer Namen und Taten ans Licht. Deutlich geworden sei vor allem die fast vollständige Durchdringung des Instituts mit der NS-Ideologie, sagte Hacker. So mussten viele RKI-Wissenschaftler noch 1933 auswandern oder sich verstecken. Später waren der Direktor und fast alle Abteilungsleiter in der NSDAP.

Besonders traurig für die heutigen Forscher ist die fehlende Zivilcourage ihrer Amtsvorgänger. In den Akten wurden keinerlei Hinweise auf Protest gefunden. Medizinhistoriker haben allein das Bemühen gesehen, Kollegen durch eine positive Beurteilung Wege für eine neue Stelle im Ausland zu ebnen. "Wir hatten uns mehr Courage erhofft", bilanzierte der RKI-Präsident.

Die Untaten des Instituts sind in dem Buch "Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus" festgehalten. Auf dem RKI-Gelände sei darüber hinaus ein Ort des Gedenkens und Erinnerns geplant, teilte die Behörde weiter mit.

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