Ärzte Zeitung, 14.10.2008

Die Fahndung nach KZ-Arzt Heim läuft weiter

63 Jahre nach der Befreiung des letzten Konzentrationslagers in Deutschland steht der ehemalige KZ-Arzt Dr. Aribert Heim noch immer auf der BKA-Fahndungsliste der meistgesuchten Personen.

Von Pete Smith

Die Fahndung nach KZ-Arzt Heim läuft weiter

Lebt er noch? Der weltweit meistgesuchte Nazi-Verbrecher Aribert Heim.

Foto: dpa

"Familienname: Dr. Heim. Vorname: Aribert. Geburtsdatum: 28.06.1914. Geburtsort: Radkersburg/Österreich. Größe: 190 Zentimeter. Schuhgröße: 47. Augenfarbe: blau-grau/dunkel. Figur: kräftige sportliche Gestalt. Besonderheiten: Mensurnarbe verläuft quer zum rechten Mundwinkel, beinahe in V-Form." Der ehemalige KZ-Arzt Dr. Aribert Heim steht noch immer auf der BKA-Fahndungsliste der meistgesuchten Personen (wir berichteten). Erst kürzlich soll Heim in Südamerika gesehen worden sein. Wer ist dieser grausame Arzt, der sich seit 46 Jahren seiner Verhaftung entzieht?

Medizin-Studium in Graz, Promotion in Wien

Heim kam als Sohn eines Polizeibeamten und einer Hausfrau in Bad Radkersburg im österreichischen Bundesland Steiermark zur Welt. In Graz studierte er Medizin und promovierte in Wien zum Dr. med. Schon 1935, als die NSDAP in Österreich noch verboten war, trat er in die Partei und auch in deren Sturmabteilung (SA) ein. Nach dem so genannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde Heim Mitglied der SS, in der er es 1944 zum Hauptsturmführer brachte.

Drei Monate, nachdem Heim im Januar 1940 seine Approbation erhalten hatte, meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS und wurde Lagerarzt im Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin. Anderthalb Jahre später wechselte er zunächst ins KZ Buchenwald und wurde am 1. Oktober 1941 Lagerarzt im KZ Mauthausen.

Dort hat Heim im Oktober und November 1940 seine grausamsten Verbrechen begangen, die er im Operationsbuch zum Teil eigenhändig dokumentiert hat. Ein Revierschreiber und ein Op-Gehilfe haben übereinstimmend ausgesagt, dass Heim gemeinsam mit dem Lagerapotheker Erich Wasicky Hunderte von Juden durch intrakardiale Giftinjektionen, etwa mit Phenol, ermordet hat. Außerdem soll er Häftlingen während Operationen aus Langeweile oder Sadismus, zum Teil auch zu Übungszwecken, Organe entnommen haben. Schon nach wenigen Wochen wurde Heim aus dem KZ Mauthausen abkommandiert und in ein SS-Lazarett nach Wien versetzt.

Am 15. März 1945 wird Heim vom US-Militär festgenommen und im Kriegsgefangenenlager Ludwigsburg interniert. Doch bereits 1947 darf er wieder als Arzt praktizieren. Dokumentiert ist eine Tätigkeit im Bürgerhospital der hessischen Kleinstadt Friedberg. In seiner Freizeit geht der ambitionierte Eishockeyspieler für den VfL Bad Nauheim aufs Eis, mit dem er 1947 deutscher Vizemeister wird.

1954 tritt Heim eine Stelle in Baden-Baden an

1949 lässt sich Aribert Heim als Arzt in Mannheim nieder. Die nächsten zehn Jahre bleibt der Österreicher, der sich mehrfach vergeblich um die deutsche Staatsangehörigkeit bewirbt, von der Justiz unbehelligt. 1954 tritt er eine Stelle als Gynäkologe in Baden-Baden an. 1961 schließlich stellen Justizbehörden in Wien einen Haftbefehl aus, kurz darauf taucht Heim unter.

Seither befindet sich der ehemalige KZ-Arzt auf der Flucht. Immer wieder gab es vage Hinweise auf seinen Aufenthaltsort, die sich im Oktober 2005 erstmals verdichteten. Damals hieß es, dass Heim an der spanischen Costa Blanca nahe der Stadt Dénia lebe. Kurz darauf floh der Arzt Berichten zufolge über Madrid nach Südamerika. Anfang 2006 vermuteten die Fahnder, dass er in Chile untergetaucht sei. Im Juli dieses Jahres schließlich teilte der Leiter des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires mit, dass Heim von Augenzeugen in Südamerika erkannt worden sei: "Er sei gebrechlich, aber könne noch laufen", sagte Zuroff. Ob die Hinweise aus der südchilenischen Stadt Puerto Montt stammten, wo Heims Tochter lebt, oder aus der 160 Kilometer entfernten argentinischen Stadt San Carlos de Bariloche, wollte Zuroff unter Hinweis auf die Fahndung nach dem heute 94-Jährigen nicht mitteilen.

Dass Heim noch am Leben ist, wird von weiteren Indizien gestützt. So haben seine Kinder das Vermögen des KZ-Arztes in Deutschland, das sich auf zwei Millionen Euro belaufen soll, nie beansprucht. Sollten sie dies tun, müssten sie den Beweis vorlegen, dass ihr Vater tot ist. Heims Rechtsanwälte haben zudem Dokumente beantragt, die laut Zuroff "absolut keinen Sinn machen würden, wenn er gestorben wäre". Daher wird der Mörder weiterhin mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Der deutsche Generalbundesanwalt hat 1995 für Hinweise, die zur Ergreifung des ehemaligen KZ-Arztes führen, eine Belohnung von 130 000 Euro ausgesetzt. Das Simon Wiesenthal Center, das Heim im Rahmen seiner "Operation Letzte Chance" als den weltweit meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher führt, zahlt für entscheidende Hinweise 10 000 Euro.

Informationen im Internet unter www.operationlastchance.com

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