Ärzte Zeitung, 28.10.2008

Gestern Unfallchirurg, heute Bestsellerautor

Mit seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Der Turm" stürmt der frühere Arzt Uwe Tellkamp an die Spitze der Bestsellerlisten.

Von Pete Smith

Erfolgsschriftsteller: Uwe Tellkamp.

Foto: dpa

In der DDR wurde ihm sein Studienplatz entzogen, weil er sich als Soldat 1989 weigerte, gegen Oppositionelle auszurücken. Nach der Wende holte er sein Medizinstudium nach, arbeitete zunächst als Arzt, seit 2004 als Freier Schriftsteller. Kurz nachdem Uwe Tellkamp für seinen Roman "Der Turm" die wohl bedeutendste deutsche Literatur-Auszeichnung, den Deutschen Buchpreis 2008, erhalten hat, steht das Buch an der Spitze der Bestsellerlisten.

Tellkamp wurde 1968 in Dresden geboren. Nach dem Abitur verpflichtete er sich zum dreijährigen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee der DDR, um einen der begehrten Studienplätze für Medizin zu ergattern. Er wird Panzerkommandant. Schon während dieser Zeit fällt er wegen "politischer Diversantentätigkeit" auf. Sein Vergehen: Er ist mit Gedichten von Charles Bukowski und Wolf Biermann erwischt worden. Trotzdem darf er in der NVA bleiben. Bis zum 9. Oktober 1989…

Befehl verweigert - ab in den Bau

Überall in der DDR protestieren die Bürger gegen das herrschende Regime, auch in Dresden. Tellkamp erhält den Befehl, mit seiner Einheit gegen die Oppositionellen auszurücken. Er weiß, dass sein eigener Bruder unter den Demonstranten ist, und verweigert den Befehl. "Dann ging alles sehr schnell", erzählt er in einem Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau". "Da flogen die Schulterklappen ab. Dann hieß es: Der Studienplatz für Medizin wird Ihnen entzogen. Und es ging in den Bau." Zwei Wochen bleibt Tellkamp inhaftiert. Danach arbeitet er als Hilfspfleger auf einer Intensivstation.

Nach der Wende nimmt er sein Studium wieder auf, zunächst in Leipzig, später in New York, schließlich kehrt er nach Dresden zurück. Nach seinem Examen zieht er nach München, wo er als Arzt an einer unfallchirurgischen Klinik arbeitet. Seine zweite Liebe, die Schriftstellerei, leidet unter akuter Zeitnot. Schreiben kann Tellkamp nur noch "zwischen den Zeit-Verpflichtungen, auf Treppen, im Keller, an Urlaubstagen". Bald klagt er, dass "diese Doppelexistenz als Arzt und Autor immer schwieriger" werde. Tellkamp gibt seinen Job auf und lässt sich als Freier Schriftsteller nieder. Heute wohnt er mit Frau und Sohn in Freiburg im Breisgau.

Erste literarische Erfolge stellten sich bei Tellkamp schon früh ein. 2002 erhielt er das Sächsische Staatsstipendium für Literatur, 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis, einen der begehrtesten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Sein 2000 erschienener Debütroman "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" lief nicht gut, besser schon sein zweiter Roman "Der Eisvogel", mit dem er die Jury des Bachmann-Preises überzeugen konnte.

Ein Chirurg mit Stasi-Vergangenheit

In diesem Jahr schließlich wurde ihm neben dem Deutschen Buchpreis 2008 auch der Uwe-Johnson-Preis zugesprochen. Tellkamps im Suhrkamp Verlag erschienener monumentaler Roman "Der Turm" galt als einer der Favoriten auf die Vergabe des mit 25 000 Euro dotierten Buchpreises. Im Mittelpunkt des autobiographisch gefärbten Epos' steht eine bürgerliche Familie in Zeiten der untergehenden DDR. Einer der Protagonisten ist der Chirurg Richard Hoffmann, der zwar gegen die Zustände in seinem Land und in seiner Klinik wettert, selbst jedoch eine Stasi-Vergangenheit hat und am Ende selbst im Knast landet. In der Begründung zur Vergabe des Buchpreises schreibt die Jury: "Den Lesern erschließen sich wie nie zuvor Aromen, Redeweisen und Mentalitäten der späten DDR. Unaufhaltsam treibt das Geschehen auf den 9. November zu."

In der Literatur des Uwe Tellkamp schimmert der Arzt häufig durch. Schreiben sei für ihn "Diagnostizieren, ganz vorsichtig herantasten, abwägen, den Figuren beim Leben zusehen". Von Ironie im Roman hält er nichts. Die Ironie, so sagte Tellkamp einmal in einem Interview, würden Ironiker aufgeben, wenn sie einmal in einer Klinik-Notaufnahme arbeiten müssten; wenn drei Schwerstverletzte kämen, und sie müssten sich entscheiden, wessen Leben sie retten: "Da vergeht ihnen die Ironie."

Uwe Tellkamp: Der Turm. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008. 976 Seiten. 24,80 Euro.

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