Ärzte Zeitung, 20.11.2008

Von Hirschhausens Botschaften für die Ärzte von morgen

Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist, hat an der Uni Gießen vor 700 Medizinstudenten eine Vorlesung gehalten. Thema: "Arzt - Deutsch, Deutsch - Arzt: Warum Worte Medizin sind".

Von Pete Smith

Erfolgreicher Kabarettist und sensibler Referent an der Uni Gießen: Eckart von Hirschhausen.

Foto: Hausschild

Das Licht ist gedämpft. Aus unsichtbaren Lautsprechern dröhnt rockige Musik. Ein ungewöhnliches Ambiente für eine Vorlesung. Gut 700 Medizinstudenten erwarten gespannt den Auftritt ihres Dozenten. Jubel brandet auf, als er die Bühne betritt: ein großer, jugendlich wirkender Kollege in olivgrünem Samtsakko, hellem Hemd, Schlips und Jeans, der, den Arztkoffer in der Hand, beschwingt zur Mitte der Bühne läuft. Lachend begrüßt Dr. Eckart von Hirschhausen sein Auditorium: "Meine erste Vorlesung - und die ist gleich so voll!"

Haben Hirschhausen nach Gießen eingeladen: Medizinhistoriker Professor Volker Roelcke (l.) sowie sein Mitarbeiter Dr. Michael Knipper.

Die Gießener Kongresshalle ist an diesem Nachmittag bis auf den letzten Platz belegt. Es sind ausschließlich Medizinstudenten, die die Ränge füllen, die meisten von ihnen haben ihr Studium gerade erst begonnen. Das Thema der Vorlesung, die sie in den nächsten anderthalb Stunden fesseln wird: "Arzt-Deutsch/Deutsch -Arzt: Warum Worte Medizin sind". Zu dieser buchstäblich außerordentlichen Lehrstunde mit dem Kabarettisten Eckart von Hirschhausen hat das Institut für Geschichte der Medizin in Gießen geladen. Sie ist ein Zusatzangebot zum Kurs "Medizinische Terminologie", eine Pflichtveranstaltung im ersten Semester Medizin.

Kluge Fragen, einfühlsame Gesprächsführung

Doch was die Studenten heute erwartet, ist weniger Pflicht denn Kür. "Kluge Fragen und eine einfühlsame Gesprächsführung sind die wichtigsten diagnostischen und therapeutischen Instrumente des Arztes", beginnt der approbierte Mediziner, der vor seiner kabarettistischen Laufbahn als Kinderarzt gearbeitet hat. "Aber Ärzte lernen mit Latein und Griechisch erst einmal zwei tote Sprachen, um dem Wunder des Lebens Ausdruck zu verleihen. Ich will heute dafür werben, dass ihr euch mit euren Patienten auf Deutsch unterhaltet!"

Spende für die Stiftung "Humor hilft heilen"

Sprache ist an diesem Nachmittag das wichtigste Thema des Berliner Dozenten, dem sein Anliegen so wichtig ist, dass er auf ein Honorar verzichtet. Stattdessen wird er die angehenden Ärzte am Ende um eine Spende für die von ihm gegründete Stiftung "Humor hilft heilen" bitten, die unter anderem Clowns in Krankenhäuser bringt.

"Ich will dafür werben, dass ihr euch mit euren Patienten auf Deutsch unterhaltet!": Dr. Eckart von Hirschhausen. Fotos (3): smi

Vielleicht ist seine Glaubwürdigkeit das Geheimnis seines Erfolgs. Hirschhausen kommt authentisch rüber, er scheint selbst zu leben, was er vertritt. "Ärztliche Kunst bedeutet zu weiten Teilen Hoffnung geben", sagt er und kritisiert, dass viele Ärzte - auch aufgrund mangelhafter Kommunikation - ihre Heilkunst aus der Hand geben. "Warum gehen denn so viele Leute zu Heilpraktikern statt zu Ärzten? Weil die zuhören." Dabei verträten jene mitunter seltsame Ideen. Zum Beispiel die Eigenurintherapie. "Da schüttet man oben herein, was vorher unten heraus kam. Wenn meine Nieren etwas ausscheiden wollen, dann glaub ich denen."

Mangelnde oder mangelhafte Kommunikation, so Hirschhausen, führe ständig zu Missverständnissen. Und habe auch Auswirkungen auf das Selbstverständnis von Ärzten. "Warum halten sich denn die meisten Kollegen für gute Ärzte?", fragt der Kabarettist, um die Antwort selbst nachzureichen: "Weil sie nur Feedback von Patienten erhalten, die wiederkommen, nicht aber von jenen, die ihrer Praxis fernbleiben."

Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" wird Hirschhausen diesen Gedanken später aufgreifen und für eine spezielle Art der Qualitätskontrolle werben. "Wir brauchen Testkunden", erläutert er, "geschulte Leute, die einen Arzt aufsuchen, Beschwerden vortäuschen und gucken, wie er mit ihnen umgeht. Was fragt er, was nicht? Was untersucht er, was nicht? Welche Ratschläge gibt er? Und dann erhält der Arzt ein Feedback. Ärzte sollten selber ein Interesse an solchen Rückmeldungen haben und diese nicht als Bedrohung begreifen."

In die Köpfe seiner angehenden Kollegen will der Arzt und Kabarettist während seiner anderthalbstündigen Vorlesung Gedanken pflanzen, die in einigen Jahren, wenn sie ihrem Beruf nachgehen, aufkeimen und sich entfalten sollen. "Arzt zu sein, ist einer der tollsten Berufe, die man haben kann auf diesem Planeten", erklärt er und weist den Weg, wie man sich den Spaß an seinem Beruf erhalten kann:

Die Kongresshalle in Gießen ist bis auf den letzten Platz gefüllt: diese Veranstaltung wollten sich die Studenten nicht entgehen lassen.

"Bleibt neugierig!" "Sammelt Erfahrungen im Ausland!" "Pflegt die Freundschaft zu Nicht-Medizinern!" "Macht die Patienten zu euren Verbündeten!" "Lernt sprechen und vertraut der Kraft der Bilder, um den Patienten ihre Angst zu nehmen."

"Habt Mut, auch mal zu versagen!"

Patienten bräuchten Zuwendung, viele kämen nur aus diesem einen Grund in die Praxis, sagt Hirschhausen. "Ab einem bestimmten Alter interessiert sich niemand mehr für deinen nackten Körper - nur noch der Arzt."

Der letzte Ratschlag, den der Arzt, Kabarettist und Motivationstrainer den Studenten mit auf den Weg gibt, lautet: "Habt Mut, auch mal zu versagen. Das Schlimmste, das man am Ende seiner Tage sagen kann, ist: Ich bin noch nicht einmal gescheitert."

Unter brandendem Applaus wird Eckart von Hirschhausen vom Leiter des Medizinhistorischen Instituts auf der Bühne verabschiedet. Auch für Professor Volker Roelcke war die Lehrstunde eines "geschätzten Kollegen" ein großer Erfolg. Deshalb, so kündigt er an, soll die Veranstaltung evaluiert werden. Möglich, dass sich Humor in der Wissenschaft dereinst etabliert.

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