Ärzte Zeitung für Neurologen/Psychiater, 31.12.2008

Ärzte und Patienten bleiben bei der Amnesiebehandlung Einzelkämpfer

Für eine Amnesie gibt es viele verschiedene Auslöser Experten fordern Schwerpunkteinrichtungen Deutsche hinken bei der Forschung hinterher.

Ärzte und Patienten bleiben bei der Amnesiebehandlung Einzelkämpfer

Beklagt Verwechslung mit Demenzpatienten: H.J. Markowitsch.

Foto: di

Manfred Braun verunglückt als 20-Jähriger mit dem Auto; als er aus dem Koma wieder aufwacht, sind die ersten 20 Jahre seines Lebens ausgelöscht. Thomas Multusch erleidet im Alter von 35 Jahren einen Herzinfarkt; zehn Minuten bleibt sein Gehirn ohne Sauerstoff, seither kann er sich nichts Neues mehr merken. Sabine Barthelmes erkrankt 40-jährig an Meningitis und verliert in der Folge ihr autobiographisches Gedächtnis. Hans Günter Denecke versucht sich im Alter von 30 Jahren das Leben zu nehmen - er wird gerettet, vergisst seitdem jedoch fast alles, was er neu erlernt. Vier Schicksale, ein Krankheitsbild: Amnesie. Doch eine Amnesie hat so viele Ursachen wie Ausprägungen. Liegt es daran, dass es in Deutschland weder valide Zahlen zur Prävalenz oder Inzidenz von Amnestikern gibt noch ein Zentrum, das sich schwerpunktmäßig dieser Patienten annimmt?

Über die Ursachen dafür kann man nur spekulieren. Professor Hans-Joachim Markowitsch, Neurowissenschaftler am Zentrum für Physiologische Psychologie der Universität Bielefeld und einer der renommiertesten deutschen Gedächtnisforscher, sieht sowohl wissenschaftliche Traditionen - etwa die sensorische Zentrierung der deutschsprachigen Neurologie sowie die scharfe Trennung zwischen Psychologie und Neurologie - als auch die vielfältigen Ätiologien für Amnesie als mögliche Hintergründe für das Fehlen einer entsprechenden Schwerpunkteinrichtung. "Häufig werden Amnesiepatienten mit Demenzpatienten vermischt", so Markowitsch im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Und Amnesiepatienten haben weit weniger eine Lobby als andere Patientengruppen mit einheitlicher Ätiologie, zum Beispiel Parkinsonpatienten."

Der Neurologe Professor Dirk Sander, Chefarzt der Klinik Medical Park Loipl in Bischofswiesen, gibt seinem Kollegen Recht. "Wesentliche Ursache sind zum einen die sehr unterschiedlichen Ursachen einer Amnesie (vaskulär, traumatisch, psychisch und andere), so dass es in der Regel so ist, dass die Patienten primär in dem Fachgebiet betreut werden, welches für die Behandlung der Grunderkrankungen zuständig ist, zum anderen die Notwendigkeit eines häufig interdisziplinären Ansatzes in der Amnesiebehandlung, der die Bildung eines Schwerpunktzentrums erschwert", so Sander.

Amnesie kann mehr als ein Dutzend Ursachen haben

Ärzte und Patienten bleiben bei der Amnesiebehandlung Einzelkämpfer

Fast alles was mal gespeichert war, geht Amnesiepatienten verloren. Die meisten fühlen sich hilflos und auf sich allein gestellt.

Foto: markhuls@www.fotolia.de

In der Tat gibt es über ein Dutzend bekannte Ursachen für Amnesie: Schädel-Hirn-Trauma, Meningitis, Enzephalitis, Infarkt, Vergiftung, epileptischer Anfall, Hirntumor, Hirnoperation, Migräne, Alkohol- oder Medikamentenabusus, Stress, Traumatisierung und andere. Auch die Ausprägungen einer Amnesie sind mannigfaltig. Früher galt Amnesie als eine allgemeine Unfähigkeit, neue Informationen zu speichern und alte wieder abzurufen ("globale Amnesie"). Heute weiß man, dass es verschiedene Gedächtnissysteme gibt, und entsprechend unterschiedlich sind die Formen der Störung.

Am häufigsten handelt es sich bei einer Amnesie um eine Störung des Langzeitgedächtnisses (retrograde Amnesie), wobei in der Regel das episodisch-autobiografische Gedächtnis blockiert ist, das Wissenssystem (Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland) und das prozedurale Gedächtnis (etwa Fahrrad fahren) jedoch noch vorhanden sind. Seltener ist die anterograde Amnesie, also die Unfähigkeit, neue Informationen langfristig abzuspeichern. Daneben gibt es weitere Differenzierungen wie etwa die psychogene Amnesie, eine meist durch ein Trauma oder massiven Stress verursachte Störung der Informationsverarbeitung. Manche Patienten können weder ihr Altgedächtnis abrufen noch neue Informationen speichern. Die so genannte Transiente Globale Amnesie (TGA) wiederum beschreibt eine vorübergehende massive Gedächtnisstörung, die per Definition auf weniger als 24 Stunden begrenzt ist. Darüber hinaus werden in der Literatur Amnesien beschrieben, die ausschließlich Teilgebiete, etwa das Wissenssystem, betreffen.

Eine Bündelung der Forschung auf diesem Gebiet findet in Deutschland wie beschrieben nicht statt. Amnesie-Experten befürworten die Einrichtung eines Schwerpunktzentrums für Amnestiker. Die Aufgaben eines solchen Zentrums könnten, wie der Bischofswiesener Neurologe Sander ausführt, die "interdisziplinäre Diagnostik und Therapie von Patienten mit Amnesie, die Erarbeitung von möglichst evidenzbasierten Kriterien zur Amnesiebehandlung, Forschungsaktivität und Öffentlichkeitsarbeit" umfassen. Wie Sander hält auch der Bielefelder Gedächtnisforscher Markowitsch die derzeitige Forschung auf diesem Gebiet in Deutschland für unzureichend. "Selbst in neurologisch konservativen Ländern wie Italien und Frankreich gibt es weit mehr ‚Leuchttürme‘ als in Deutschland", so Markowitsch. Auch sein Kollege Gerhard Müller, Diplom-Psychologe am Zentrum für klinische Neuropsychologie in Würzburg, sieht das Ausland in punkto Amnesieforschung voraus. "Es gibt jedoch in den letzten zehn Jahren große Fortschritte", schränkt er ein.

Die Patienten selbst fordern schon seit langem eine Einrichtung, in der Expertise gebündelt wird. Viele von ihnen haben eine Odyssee durch deutsche Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen hinter sich, wobei sie oft erfahren mussten, dass Ärzte, darunter auch Neurologen, mit dem Thema Amnesie überfordert sind.

Aus Akademikern werden Hilfsarbeiter

Amnesie-Patienten, die vor dem Ereignis, das ihr Leben veränderte, eine akademische Ausbildung genossen haben, müssen in der Folge Hilfsarbeiten verrichten. Andere werden als Simulanten diffamiert. Wieder andere verlieren in Folge ihrer Amnesie den Partner oder die Familie. Auch Manfred Braun hat als "Fremder in der eigenen Haut" neu lernen müssen "zu rechnen, lesen, verstehen und sich auszudrücken". Dennoch wollte er nie Opfer sein. Mit großer Beharrlichkeit hat er sich sein Leben zurückgeholt, wenngleich er, wie er sagt, "noch nicht zurück im eigenen Körper" sei.

Mit einem weiteren Amnestiker hat Braun vor sechs Jahren eine Selbsthilfegruppe gegründet, in der sich die Patienten austauschen. Der Diplom-Ingenieur aus Hannover befürchtet, dass die Zahl der Betroffenen in Zukunft eher steigen wird. "Darauf deutet schon allein die Tatsache hin, dass künftig noch mehr Patienten als heute nach Herz-Kreislauf- oder Atemstillstand wiederbelebt werden." (smi)

Weitere Informationen: www.amnesia-society.de

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