Ärzte Zeitung, 18.11.2008

Pisa-Euphorie statt weiterer Pisa-Schock

Erster Platz für Sachsen, Hamburg und Bremen sind Schlusslicht / Soziale Unterschiede bestimmen nach wie vor stark den Schulerfolg

BERLIN (dpa/bee). Fast die gesamte Zunft klopfte sich diesmal stolz auf die Schulter: Vom tiefen PISA-Schock vor sechs Jahren ist nichts mehr zu spüren. Beinahe schon euphorisch reagierten Politiker und Experten gestern auf den PISA-Vergleich unter den 16 Bundesländern.

Viel Lob bekam der neue Bildungs-Champion Sachsen, der den bisherigen Klassenprimus Bayern in allen drei getesteten Disziplinen vom Spitzenplatz verdrängte. Aber auch für versetzungsgefährdete Schlusslichter gab es Anerkennung bei der Aufholjagd um bessere PISA-Noten.

Nach den beiden ersten Erhebungswellen in den Jahren 2000 und 2003, wurden im Frühjahr 2006 rund 40 000 Schüler im Alter von 15 Jahren an 1 300 Schulen auf ihre Fähigkeiten in den Fächern Naturwissenschaften, Mathematik sowie Lese-und Textverständnis getestet. Dazu gehörten Aufgaben zur Windenergie, zu Kantenlängen von Würfeln und warum körperliche Bewegung gesund sei.

Auch wenn noch längst nicht überall alles im Lot sei, seien die Fortschritte doch unbestreitbar, lautete die Botschaft des Kieler Professors Manfred Prenzel, der die Untersuchung koordiniert. Nicht nur bei Naturwissenschaften, wo Deutschland insgesamt inzwischen über dem Durchschnitt der anderen Industrienationen rangiert. Auch bei den Leistungen in Mathematik habe man in den letzten Jahren kräftig aufgeholt. Nur beim Leseverständnis, da gebe es noch ziemlich viel zu tun.

Auch die Länder auf den hinteren Plätzen hätten sich bei der Bildung mächtig ins Zeug gelegt. "Bemerkenswerte Fortschritte" in allen Bereichen bescheinigte Prenzel dem kleinsten Bundesland Bremen, das zusammen mit Hamburg ganz unten auf der Rankingliste steht. An den Ursachen, dass städtische Ballungsräume bei solchen Vergleichstests stets schlechter abschneiden als die meisten Flächenländer, dürfte sich nach Ansicht von Experten so rasch nichts ändern.

Denn dort liegt der Anteil von Schülern aus Zuwandererfamilien deutlich höher. In Deutschland sind die "sozialen Disparitäten" weiterhin viel zu hoch, so Prenzels Befund. Immer noch sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein Akademikerkind das Abitur macht mehr als vier Mal so hoch wie bei dem Sohn oder der Tochter eines Facharbeiters.

Der Erfolg der Sachsen in den Naturwissenschaften kommt für Experten nicht überraschend. Die Fächer Biologie, Physik und Chemie werden dort schon seit DDR-Zeiten gepflegt.

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