Ärzte Zeitung online, 19.12.2008

Milgram-Experiment mit Strom: Würde jeder von uns foltern?

SANTA CLARA (dpa). Ein US-Psychologe hat mit einem Experiment offenbart, zu welchen brutalen Taten sich Durchschnittbürger auch heute noch antreiben lassen. Er forderte 70 Probanden zwischen 20 und 81 Jahren auf, anderen Menschen Stromstöße zu geben, wenn diese eine Aufgabe nicht erfüllen konnten. Die vermeintlich angelegte Spannung steigerte sich von Frage zu Frage.

Milgram-Experiment mit Strom: Würde jeder von uns foltern?

Würde jeder von "im Dienst der Wissenschaft" andere zum Beispiel mit Strom foltern?

Foto: Ferenc Szelepcsenyi © www.fotolia.de

Dr. Jerry Burger von der Santa Clara Universität (US-Staat Kalifornien) wiederholte damit Teile des berühmtes Experimentes von Stanley Milgram von 1974. Ergebnis: In beiden Fällen drehten weit mehr als zwei Drittel der Probanden die Spannung über 150 Volt hinaus, obwohl die Lernenden vehement protestierten und mit dem Experiment aufhören wollten.

Burger beschreibt sein Ergebnis im Journal "American Psychologist" (online vorab): Die Teilnehmer wurden über Zeitungsanzeigen, Faltblätter oder online gesucht. Ihnen wurden für zwei 45-Minuten-Experimente insgesamt 50 Dollar (35 Euro) versprochen. Der Leiter des Experiments erläuterte ihnen, dass die Auswirkung einer Strafe auf das Lernen untersucht werden solle. Dem Probanden wurde stets die Rolle des Lehrers zugewiesen.

Der "Schüler" sollte sich 25 Wortpaare (etwa: kräftig - Arm) merken und wurde später vermeintlich mit einem Stromstoß bestraft, wenn er ein Wort nicht zuordnen konnte. Der "Schüler" war jedoch eingeweiht und bekam die Stromstöße nicht wirklich zu spüren.

Den Probanden wurde gesagt, die Elektroschocks seien schmerzhaft, aber ungefährlich

Vor Beginn des Experiments sagte der Leiter, die Elektroschocks seien zwar schmerzvoll, aber ungefährlich. Er gab den Probanden exakte Anweisung, nach jeder falschen Antwort den Schock-Generator zu bedienen und weiterzudrehen. Den Probanden wurde vor dem Experiment sogar mindestens dreimal erzählt, dass sie zwischendurch aufhören können, und dennoch die 50 Dollar (35 Euro) Aufwandsentschädigung erhalten. Immer wenn der Proband während des Experiments dann jedoch aufhören wollte, forderte der Leiter ihm zum Weitermachen auf.

Bei 75 Volt stöhnten die "Schüler" auf. Bei 150 Volt baten sie, aufzuhören: "Lass mich hier raus bitte. Mein Herz beginnt, mich zu plagen." Dennoch wollten 70 Prozent der Probanden den Versuch weiterführen. Im Gegensatz zu Milgram stoppte Burger das Experiment jedoch nach der 150-Volt-Grenze.

Milgram hatte 1974 seine Probanden gebeten, die Spannung bis 450 Volt zu steigern

Milgram hatte 1974 seine Probanden gebeten, die Spannung bis 450 Volt zu steigern. Bei 150 Volt schrien die "Schüler" zum ersten Mal auf. 82,5 Prozent seiner Probanden drehten den Strom jedoch weiter hoch. Von diesen Probanden steigerten schließlich 79 Prozent den Strom bis zum Anschlag bei 450 Volt, obwohl die Lernenden weiter schrien und bei 330 Volt völlig verstummten. Beim Milgram-Versuch forderte einer der leitenden Experimentatoren die Probanden auf, immer weiter zu fragen. Ein anderer Leiter äußerte Zweifel und bat den Probanden, aufzuhören.

Bei Burger wollten 70 Prozent der Probanden weiter als 150 Volt gehen, bei Milgram 82,5 - ein Unterschied der sich nach Angaben des Fachjournals statistisch nicht signifikant vom Milgram-Experiment unterscheidet. Einige Psychologen halten die beiden Studien dennoch nicht für vergleichbar. "Es gibt einfach zu viele Unterschiede", schreibt Dr. Arthur Miller von der Miami Universität in Oxford.

Zur Studie "Replicating Milgram"

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