Ärzte Zeitung online, 24.12.2008

"Hast du mich noch lieb, wenn du tot bist?"

Studie über Kinder von Brustkrebs-Patientinnen zeigt, dass sie schneller erwachsen werden und mehr Zuwendung brauchen

MARBURG (coo). Auf den ersten Blick wirken die Kinder ganz unauffällig. Sie sind angepasst in der Schule, helfen viel im Haushalt, streiten sich selten und verkneifen sich Wutausbrüche. Wie stark die Kinder von Brustkrebs-Patientinnen belastet sind, zeigt sich erst beim genauen Hinsehen.

"Sie haben oft große emotionale Probleme", weiß die Psychologin Katja John von der Marburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Auftrag der Rexrodt-von-Fircks-Stiftung hat sie 400 Brustkrebs-Patientinnen mit 640 Kindern befragt. Danach sind die Kinder meist völlig unauffällig in der Schule, aber psychisch stark beeinträchtigt: "Sie versuchen, besonders brav zu sein, um Mama zu helfen. Oft nehmen sie eine wesentlich erwachsenere Rolle ein, als sie ihrem Alter entspricht", erklärt John.

Der Ausgangspunkt für die Studie: Wie es dem Nachwuchs von Krebspatienten geht, ist in der Vergangenheit kaum beachtet worden. In Deutschland gibt es nur eine Mutter-Kind-Einrichtung für die Rehabilitation von Brustkrebspatientinnen - in der Klinik Ostseedeich in Grömitz. Dort erleben die Kinder, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind. In spieltherapeutischen Gruppen können sie erzählen, Fragen stellen, sich ausdrücken und auch einmal sauer darüber sein, dass sie zu Hause so viel im Haushalt helfen müssen. In Grömitz hat John auch die Studie erhoben, um herauszufinden, wie es um die seelische Gesundheit der Kinder steht. Dabei zeigt sich, dass viele Mädchen und Jungen mehr Schwierigkeiten haben, allein zu sein. Viele sind ängstlicher, trauriger und bedrückter. Ob sie in späteren Jahren psychische Störungen entwickeln, darüber gibt es keine Untersuchungen. Ihr Risiko ist jedenfalls erhöht: "Die Folgen zeigen sich oft erst viel später, wenn die Belastung nicht mehr akut ist", sagt Katja John.

Daher sollte es nach Überzeugung von Professor Fritz Mattejat von der Marburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie noch viel mehr Anlaufstellen geben, die auch Kinder ansprechen: "Die Unfähigkeit, mit dem Thema umzugehen ist sehr groß", sagt der leitende Psychologe: "Viele denken, dass es am besten ist, wenn man mit den Kindern gar nicht darüber redet." Mattejat hält diese Haltung für falsch. In vielen Fällen würden die Ängste dann noch größer: "Wenn man die Krankheit sehr offensiv beim Namen nennt, können sich Kinder auch auf schwierige, bedrohliche Situationen einstellen." Viele haben sehr konkrete Fragen: Warum gehen Mama die Haare aus? Kann man aus der fehlenden Brust noch Milch trinken? "Hast Du mich noch lieb, wenn du tot bist?", fragte ein Mädchen ihre ratlose Mutter.

Tod und Sterben nicht auszuklammern, empfiehlt die Hamburger Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapie, Dr. Miriam Haagen: "Kinder können mit ganz viel Krise zurechtkommen, wenn sie Hilfe bekommen." Sie hat ein Buch über "Kinder körperlich kranker Eltern" geschrieben, das sich vor allem an Ärzte und Therapeuten wendet.

Den Medizinern empfiehlt sie, auch nach den Kindern ihrer Patienten zu fragen und sie gut und einfühlsam über die Krankheit aufzuklären. Für den Nachwuchs sei nicht das Krankheitsstadium entscheidend, sondern die subjektive Wahrnehmung des Patienten.

Anlaufstellen für Kinder körperlich kranker Eltern gibt es zum Beispiel in Hamburg, Frankfurt und Freiburg. In anderen Städten können sich die Betroffenen an Psycho-Onkologen, Erziehungsberatungsstellen oder an Kinder- und Jugendpsychiater wenden.

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