Ärzte Zeitung online, 29.12.2008

Drei Leichen pro Kühlfach - Klinik in Gaza im Ausnahmezustand

GAZA (dpa). Die palästinensischen Ärzte im Schifa-Krankenhaus in Gaza sind nach Jahren des blutigen Konflikts an schlimm zugerichtete Opfer gewöhnt. Doch noch nie hatten sie mit einer solchen Anzahl von Toten und Verletzte zu kämpfen wie jetzt bei der israelischen Militäroffensive "Gegossenes Blei". Weit über 300 Tote und mehr als 1400 Verletzte wurden seit Beginn der massiven Luftangriffe auf Ziele der radikal-islamischen Hamas-Organisation gezählt.

"Wir haben hier im Krankenhaus 700 Verletzte", sagt Raed al-Arini, ein ranghoher Verwaltungsmitarbeiter. Viele Verletzte liegen auf dem Flur, und es werden ständig neue eingeliefert. Manche müssen sogar auf dem Boden behandelt werden, weil keine Bahren oder Betten mehr frei sind. Etwa 400 Verletzte habe man in andere Kliniken wegschicken müssen, sagt Al-Arini.

Die Lage in der größten Klinik in Gaza ist chaotisch, ungeachtet von Bemühungen der Hamas-Polizeimiliz, für Ordnung zu sorgen. Nach den ersten Überraschungsangriffen am Samstag wurden mehr als 185 Tote und hunderte Verletzte fast gleichzeitig eingeliefert.

Das Krankenhaus habe bereits aufgehört, die Leichenhalle zu nutzen, sagt Al-Arini. "Warum sollten wir sie noch verwenden? Da passen 30 Leichen rein, und wir haben jetzt mehr als 310 Tote." In jedes Kühlfach wurden bis zu drei Leichen gepackt. Die trauernden Familien werden aufgerufen, die Toten schnell abzuholen und zu begraben, auch aus Furcht vor Epidemien.

Im Vorhof des Krankenhauses streiten sich die Angehörigen von Opfern mit Hamas-Polizisten, die sie wegen des Gedränges nicht hereinlassen wollen. Doch sie können die beunruhigten und verzweifelten Verwandten nicht lange aufhalten: Als nach einem neuen israelischen Luftangriff wieder Verletzte gebracht werden, gelingt es einigen von ihnen, in dem allgemeinen Chaos in das Gebäude zu schlüpfen.

"Wir können gar nicht richtig arbeiten", klagt Iman, eine junge Krankenschwester, die erst vor kurzem ihre Arbeit begonnen hat. Neben der Überfüllung habe das Personal auch unter einem massiven Mangel an Medikamenten und Ausrüstung zu leiden. Nach knapp einem Jahr fast durchgängiger israelischer Blockade sind praktisch keine Vorräte mehr da. Der ehemalige Gesundheitsminister Bassem Naim warnte am Montag vor einer weiteren Verschlechterung der medizinischen Versorgung im Gazastreifen. Mehr als 100 verschiedene Medikamente fehlten, medizinische Geräte könnten wegen der Angriffe nicht repariert werden.

Dazu kommt die ständige Gefahr, dass eine der israelischen Raketen oder Bomben das Krankenhaus treffen könnte. Am Sonntag schlugen nach Augenzeugenberichten zwei Bomben in wenigen Metern Entfernung ein, herumfliegende Granatsplitter trafen das Gebäude. Zersplitterte Glasscheiben seien auf Patienten in der Intensivstation gefallen, die dort zwischen Leben und Tod schweben.

Mindestens 250 Schwerverletzte brauchen dringend eine angemessene medizinische Versorgung. Ägypten hat Hilfe angeboten und sich bereit erklärt, sie in ägyptischen Krankenhäusern aufzunehmen. Dies hat die seit eineinhalb Jahren im Gazastreifen herrschende Hamas jedoch kategorisch abgelehnt. Sie fordert eine vollständige Öffnung des Rafah-Grenzübergangs nach Ägypten. Es sei ungehörig, dass Ägypten die Grenze nur für Verletzte mit fehlenden Gliedmaßen öffnen wolle, klagte Hamas-Sprecher Fausi Barhum am Wochenende. "Und dann werden sie sie in Särgen nach Gaza zurückschicken", sagte er.

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