Ärzte Zeitung online, 27.01.2009

Ja zu Stammzellentherapie in den USA: Zufall oder Omen für bessere Zeiten?

NEW YORK (dpa). So schnell hatte wohl niemand mit dem Wandel gerechnet. Der neue US-Präsident Barack Obama hatte kaum seinen Amtseid abgelegt, als in Amerika auch schon das Zeitalter der Stammzelltherapien anbrach: Dienstag vergangener Woche hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA eine Studie mit embryonalen Stammzellen genehmigt (wir berichteten).

Die Vermutung lag nah, dass die Freigabe des ersten klinischen Versuchs mit embryonalen Stammzellen dem frischen Wind in der US-Politik zu verdanken war. Weit gefehlt, behauptet die Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration). Dass ihre Zusage gleich nach dem Wechsel im Weißen Haus erfolgte, "war reiner Zufall", bekräftigte FDA-Sprecherin Karen Riley am Montag in Bethesda bei Washington.

Zufall oder nicht: Für die amerikanische Wissenschaft ist das "Ja" zur ethisch umstrittenen Stammzellentherapie wie ein Silberstreif am lange verhangenen Himmel. Unter der Regierung von George W. Bush war die Forschung mit den Zellen von Ungeborenen wegen der Auflagen aus Washington so gut wie zum Erliegen gekommen. Der Mangel an Forschungsgeldern ließ auch andere hochkarätige Wissenschaftler ins Ausland abwandern.

Der "Brain Drain" in den USA kam unter anderem Kanada zugute: Zwischen 2002 und 2007 stieg die Zahl amerikanischer Lehrer im nördlichen Nachbarland nach Angaben der kanadischen Einwanderbehörde um 15 Prozent, die der Professoren und Hochschulassistenten sogar um 17 Prozent.

"Das Schlimme war, dass Forschungslabore an renommierten Universitäten wie Stanford und Harvard plötzlich zumachen mussten, obwohl sie 20 und mehr Jahre (aus Washington) unterstützt worden waren", beschreibt Professor Guri Giaever von der Universität von Toronto den Wandel unter Bush. Die Genforscherin war 2006 mit ihrem Mann und Laborpartner Doktor Corey Nislow nach Kanada gegangen, weil es in San Francisco keine Mittel mehr gab.

In den Vereinigten Staaten blieb derweil der Nachschub aus. Einige Nachwuchsforscher aus Europa und Asien scheiterten an den neuen Visa-Beschränkungen der Bush-Administration, andere blieben wegen der knapper werdenden Angebote von Forschungsplätzen fern. Die Maßnahmen schlossen nach Einschätzung von Beobachtern "eine ganze Generation junger Wissenschaftler" aus den USA aus.

Derweil gewannen die Kreationisten mit ihrer Absage an Darwins Evolutionslehre in Amerikas sogenanntem "Bibel-Gürtel" zunehmend Oberwasser. Einige Bundesstaaten strichen den Aufklärungsunterricht an ihren Schulen. Washington bezweifelte die wissenschaftlich belegten Ursachen des Klimawandels. In Forscherkreisen wurden die Vereinigten Staaten wegen ihrer "Rückkehr ins Mittelalter" verspottet und bemitleidet.

Erst im Wahljahr 2008 kam wieder Hoffnung auf. Obama versprach, sich für Bildung, Umwelt, alternative Energien und das amerikanische Gesundheitswesen einsetzen. Selbst in seiner Antrittsrede vor dem Capitol am vergangenen Dienstag verhieß der neue Präsident seinen Landsleuten, "der Wissenschaft wieder den ihr gebührenden Rang einzuräumen". Kein Wunder also, dass auch der Durchbruch in der seit 2001 zum Teil kaltgestellten Stammzellenforschung ihm zugute gehalten wurde.

Dazu sagt die FDA, dass nicht der Regierungswechsel, sondern ein Treffen ihres Beraterausschusses im April vergangenen Jahres den Ausschlag gegeben habe. Damals seien im Prinzip die Würfel gefallen, sagte Riley der Deutschen Presse-Agentur dpa. Dass die Biotech-Firma Geron in Menlo Park (Kalifornien) erst jetzt Bescheid erhielt, lag ihren Angaben nach an der schleppenden Beantwortung von Fragen durch das Unternehmen sowie an einer vorgeschriebenen Wartefrist.

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