Ärzte Zeitung online, 05.02.2009

Dialog im Dunkeln: Reisen in die Welt der Blinden boomen

HAMBURG (dpa). Handys und Uhren mit Leuchtziffern sind verboten. Absolute Finsternis. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Kleine Punkte scheinen vor dem Gesicht zu tanzen ­ ein Hirngespinst. Herzklopfen. "Sie müssen keine Angst haben, das hier ist keine Geisterbahn", beruhigt ein Mitarbeiter der Ausstellung "Dialog im Dunkeln" in Hamburg die Besucher. Zögernd macht sich die achtköpfige Gruppe auf in die Welt der Blinden.

Jeder Besucher der Ausstellung, deren Konzept vor 20 Jahren entwickelt wurde, erhält einen Blindenstock. Mit dabei auf der 90-Minuten-Tour in der Hamburger Speicherstadt: Der 52-jährige Volker Wüst, der seit seinem 14. Lebensjahr stark sehbehindert ist. Er ist einer von zurzeit etwa 45 Guides, die als Blinde durch die stockdunklen Räume führen. "Kommen Sie jetzt zu mir und gehen dann links an mir vorbei. Und bitte Vorsicht: Gleich kommt eine kleine Stufe", sagt er mit beruhigender Stimme.

Übervorsichtig stakst die Gruppe durch die Finsternis. Dennoch passiert anfangs das eine oder andere Malheur. "Oh Gott, ist mir das peinlich", flüstert eine Besucherin, die einer anderen bei der Suche nach irgendeinem Orientierungspunkt an die Brust gefasst hat. "Autsch", hört man aus der anderen Ecke. Vielleicht hat jemand aus Versehen mit seinem Blindenstock, der eigentlich weißer Langstock heißt, einem anderen Gast einen Haken gestellt.

Was nicht sofort zu erkennen ist, wird erschnüffelt.

Plötzlich riecht es nach Obst und Gemüse - ein Markt! Die Teilnehmer ertasten Orangen, Kokosnüsse, Äpfel und Porree. Was nicht sofort an den Ständen zu erkennen ist, wird erschnüffelt. "Das ist Kohlrabi", ruft aufgeregt die neunjährige Zoé. In einem anderen Raum identifiziert sie Kaffeesäcke, von denen es zahlreiche in der traditionsreichen Speicherstadt gibt. Tasten, Riechen, Hören - sogar ein echtes Auto finden Zoé und die anderen im Unsichtbaren.

Kinder ab 7 oder 8 Jahren gehen oft mutiger als die Erwachsenen durch die Dunkelheit, weiß Wüst zu berichten. "Man staunt, wie schnell die hier unterwegs sind." Vor allem vormittags besuchen Schulklassen die Ausstellung, die es seit dem Jahr 2000 in Hamburg gibt. "Manchmal sind die jungen Besucher aber auch zu mutig", seufzt Wüst. Denn wer zu sehr im Dunkeln herumtollt oder rauft, gefährdet sich und andere ­ und wird wieder ans Licht befördert.

Die Idee für "Dialog im Dunkeln" hatte der Ex-Journalist Andreas Heinecke, als er für die Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt arbeitete. Aus dem sozialen Projekt ist ein Exportschlager geworden: Ausstellungen mit diesem Konzept sind schon in 25 Ländern gezeigt worden, darunter Mexiko, die USA und Österreich. "Jetzt erobern wir den asiatischen Raum", sagt Pressesprecherin Sonja Kanemaki. Eine Dauerausstellung gibt es im Dialogmuseum in Frankfurt am Main, eine andere ist in München geplant. Bereits mehr als sechs Millionen Menschen haben weltweit solche Veranstaltungen besucht, etwa 5000 Blinde oder Sehbehinderte fanden einen Job.

Möwengeschrei, eine steife Brise und Nässe

Zu den Höhepunkten der Tour in Hamburg gehört eine Bootsfahrt. Einen hölzernen Steg hinunter, dann auf das wackelige Schiff, einen Sitzplatz finden - jeder hilft jedem. Berührungsängste sind spätestens hier abgebaut. Möwengeschrei, eine steife Brise, Nässe - alles wie bei einer echten Fahrt auf der Elbe. Volker Wüst macht die Leinen los und schmeißt den Motor an. "Sehen Sie, die wunderschöne Cap San Diego!", ruft er. Nichts ist zu sehen, aber auch gar nichts. Wie viele solcher skurrilen Situationen ein Blinder täglich wohl erlebt?

Auch das Überqueren einer stark befahrenen Straße ohne Ampel ist aufregend. Den Bordstein mit dem Stock finden, ganz langsam vortasten, oh, der Zebrastreifen ist ja unter den Füßen zu spüren! Motorgeheul - kommt da etwa ein Auto herangerast? Der Puls steigt. Nichts wie rüber auf die andere Straßenseite. Richtig erholsam ist es dagegen im Klangraum, in dem man liegend exotischen Liedern lauschen darf; die Klänge vibrieren im Körper hoch und runter.

Bloß keine Scheine fallen lassen

Eine Erholungspause bietet ebenfalls der Besuch einer Bar - auch wenn es ziemlich schwierig ist, in der Dunkelheit für die Getränke zu bezahlen und das Wechselgeld entgegenzunehmen. Bloß keine Scheine fallen lassen. Volker Wüst lädt hier zur Fragerunde ein. Erträgt denn jeder Besucher die Finsternis? Nur ganz selten müsse jemand vorzeitig aus der Ausstellung herausgeholt werden, antwortet Wüst. "Das liegt im Promillebereich." Werden die Räume verändert? "Manchmal ja, unser Speicherraum war früher mal ein Urwald."

An der Bar erzählt ein Besucher aus der Gruppe von einem Managementseminar, das er hier mit seinen Mitarbeitern belegt hat. "Das war unheimlich effektiv. Wenn man als Team Aufgaben in völliger Dunkelheit erledigen muss, dann bekommt das Wort, Führung eine ganz besondere Bedeutung", sagt der 46 Jahre alte Matthias Bitter von der Autovision, einer VW-Tochtergesellschaft. "Uns hat dieses Erlebnis als Team sehr zusammengeschweißt."

Das undefinierbare Wabbelige im Mund

Wüst berichtet auch vom "Dinner in the Dark", bei dem blinde Kellner in der Finsternis den Gästen ein Vier-Gänge-Menü servieren. Ähnliche Angebote anderer Veranstalter boomen in Städten wie Berlin oder Köln. Erinnerungen an ein Schmausen im Hamburger Restaurant "unsicht-Bar" werden wach: Der Spaß der Gäste miteinander, obwohl sich die meisten gar nicht kennen, der misslungene Versuch, mithilfe des Bestecks Oliven zu essen (zum Schluss werden sie mit den Fingern erhascht - sieht ja keiner) und die Verblüffung, als man später auf einer Speisekarte lesen darf, was man zuvor in rabenschwarzer Umgebung verspeist hat. Das undefinierbare Wabbelige im Mund war also ein Pilz.

Selbst "Blind Dates" werden inzwischen in lichtlosen Räumen veranstaltet. Doch ob Partnersuche, Managementkurse oder ein opulentes Mahl im Dunkeln: Blinde bekommen durch solche Events Jobs, und die Teilnehmer empfinden das Erlebte meistens als Bereicherung. Berührungsängste oder falsches Mitleid werden abgebaut, Menschen mit Behinderungen können ihre Stärken zeigen.

"Das war alles unheimlich authentisch", schwärmt auch Kirsten Jügler (37) aus dem niedersächsischen Gifhorn nach dem Rundgang. "Mir ist aber aufgefallen, dass ich die ganze Zeit unheimlich viel geredet habe. Ich musste wohl kompensieren, dass ich nicht sehen konnte." Angst habe sie nicht gehabt, wohl aber Respekt. Nachdem sich die Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt haben, darf sie sich ins Gästebuch eintragen. "Danke für unsichtbare Einblicke!", hat jemand zuvor darin geschrieben.

www.dialog-im-dunkeln.de
www.unsicht-bar.com

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