Ärzte Zeitung online, 10.02.2009

Sex gegen Bares - Warum es hier erlaubt und woanders verboten ist

GÖTEBORG (eb). Bei Prostitution scheiden sich die Geister - was für die einen schlicht Gewerbe ist, betrachten andere als strafbare Handlung. Genau diesen Unterschied gibt es zwischen Schweden und Deutschland. Während der käufliche Sex hierzulande legalisiert wurde, gilt in Schweden seit zehn Jahren ein "Sexkaufverbot". Mit diesem Unterschied hat sich die schwedische Wissenschaftlerin Susanne Dodillet auseinandergesetzt - wir dokumentieren einige Antworten aus ihrer Dissertation.

Das schwedische Sexkaufverbot, wie es Dodillet nennt, gilt seit 1999. Es wurde verabschiedet, um den Handel mit Sex in Schweden zu kriminalisieren. Nur zwei Jahre später verabschiedete der Deutsche Bundestag ein Gesetz, das genau das Gegenteil für Deutschland bedeutete: Prostituierte sollten entstigmatisiert werden und vom Rande der Gesellschaft in deren Mitte geholt werden. Seitdem sind Prostituierte hierzulande arbeitslosen-, kranken- und rentenversichert. Außerdem wurde das Betreiben von Bordellen legalisiert.

Wie Dodillet glaubt, ließen sich die politischen Unterschiede beider Länder mit ihren wohlfahrtsstaatlichen, feministischen und religiösen Traditionen erklären. In Schweden werde Prostitution als ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern gedeutet. Dementsprechend wurde das schwedische Verbot eingeführt, um die Bevölkerung für diese Ungerechtigkeit zu sensibilisieren. Für Dodillet ist das Vertrauen der Bürger in den Staat entscheidend. Nur so sei dieses Gesetz überhaupt möglich gewesen. Deutsche hingegen tendieren ihrer Auffassung nach eher dazu, die Verantwortung des Staates für die Normenbildung der Gesellschaft infrage zu stellen.

Die Skepsis gegenüber dem Staat als Normengeber könne historisch erklärt werden, meint die Schwedin. So habe man in ihrem Land eher gute Erfahrung mit dem Wohlfahrtsstaat gemacht. In Deutschland hingegen hätten sowohl die nationalsozialistische als auch die sozialistische Diktatur ihre Macht missbraucht. Und schließlich war die deutsche Linke als Vorreiterin der legalen Prostitution gegen die Normierung sexueller Beziehungen durch den Staat.

Aber auch dem Feminismus schreibt Dodillet einen wichtigen Einfluss zu. So habe in Schweden vor allem eine radikalfeministische Theorien starken Einfluss. Dort betone man Machtstrukturen, wie männliche Dominanz und weibliche Unterordnung. So beruhe die schwedische Prostitutionspolitik eher auf der Vorstellung, die die Gleichheit zwischen Mann und Frau herstellt. Die deutsche Linke hingegen berufe sich darauf, dass sexuelle Identitäten und Ausdrucksweisen variieren können. Für Dodillet hat diese Ansicht einen Haken: Weise man solche Konzepte als mehr gleichberechtigt und anderen überlegen aus, diskriminiere man zugleich aller anderen.

In der religiösen Auseinandersetzung sieht sie in Deutschland vor allem die Christdemokraten im Fokus. Ebenso wie die Kirchen sei die Union aus moralischen Gründen gegen Prostitution und sympathisiere daher eigentlich mit den Ideen der schwedischen Prostitutionspolitik. Doch wehrten sich Sozialdemokraten und Linke gegen diese Moralargumente. Ihre Sichtweise werde daher liberaler wahrgenommen als die ihrer schwedischen Kollegen, denen dieses christliche Gegenpol fehlt.

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