Ärzte Zeitung online, 16.02.2009

Hoppe für staatliche Förderung künstlicher Befruchtung

BERLIN (dpa). Der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Jörg-Dietrich Hoppe, hält eine Kostenbeteiligung des Staates an der künstlichen Befruchtung bei unerfülltem Kinderwunsch für sinnvoll. "Es ist richtig, wenn der Staat sich hier einbringt", sagte Hoppe am Samstag der Deutschen PresseAgentur dpa in Berlin.

Als Krankheit sei ein unerfüllter Kinderwunsch in der Regel nicht zu werten. Deswegen sei in diesen Fällen eine Finanzierung aus Steuermitteln sinnvoller als aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Krankenkassen übernehmen für die Behandlungen seit 2004 nur noch einen Teil der Kosten.

Für die Unterstützung kinderloser Paare aus der Staatskasse dürften demografische Überlegungen aber nicht ausschlaggebend sein, mahnte Hoppe. "Die bevölkerungspolitische Position hat auch einen Hautgout" - also einen schlechten Beigeschmack. Wichtig sei vielmehr, dass Paaren mit Problemen individuell geholfen werden könne. Hoppe begrüßte, dass Sachsen als erstes Bundesland eine finanzielle Förderung für ungewollt kinderlose Ehepaare ab März einführt.

Zugleich zeigte sich der Ärztepräsident besorgt darüber, dass viele Frauen erst in fortgeschrittenem Alter Kinder bekämen oder bekommen wollten. "Wir müssen uns um die Voraussetzungen bemühen, dass Frauen in dem Alter ihre Kinder bekommen, in dem das für sie selbst und für ihre Kinder am Besten ist." Das Risiko von Missbildungen bei Kindern steige bei Über-30-Jährigen stark an. Problematisch werde es, wenn Ärzte einer älteren Frau mit der Reproduktionsmedizin zunächst zu einer Schwangerschaft verhelfen - diese dann aber wegen eines erkannten Risikos später abgebrochen wird.

[16.02.2009, 23:57:00]
Prof. Dr. Uwe Körner 
zum Beitrag "Hoppe für staatliche Förderung künstlicher Befruchtung"
Dass Herr Hoppe die in Sachsen begonnene finanzielle Unterstützung für die fortpflanzungsmedizinische Behandlung von Kinderwunschpaaren mit dem Gewicht des Präsidenten der Bundesärztekammer unterstützt, findet meinen ungeteilten Beifall. Für die betroffenen Paare, denen so mehr individuelle medizinische Hilfe gegeben werden kann, ist es letztlich unerheblich, ob das Geld dafür wie Jahre zuvor von der Krankenkasse oder jetzt von einer staatlichen Stelle kommt. Und es wäre löblich, wenn andere Länder dem sächsischen Bespiel folgen.

Allerdings ist die Begründung, dass "ein unerfüllter Kinderwunsch in der Regel nicht als Krankheit zu werten sei", mit der die Krankenkassen die Finanzierung einschränkten und die auch Herr Hoppe jetzt bestätigend erwähnt, weniger als eine Halbwahrheit. Betrachtet man einfach die soziale Realität "Kinderlosigkeit", also die Existenz eines Paares ohne Kind, so ist das selbstverständlich keine Krankheit. Soweit jedoch das Paar sich sexuell so verhält, dass es hoffen könnte, die Frau werde schwanger, doch in Jahren stellt sich eine erfolgreich verlaufende Schwangerschaft nicht ein, wird die fortdauernde Kinderlosigkeit als ein gesundheitliches Problem wahrgenommen: Irgend etwas in den Geschlechtsorganen von Frau und/oder Mann funktioniert nicht im Sinne des Zwecks, zu dem sie biologisch angelegt sind. Vor den in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgten Entwicklungen der modernen Medizin, gab es in solcher Situation nur geringe Möglichkeiten, der Kinderlosigkeit als sozialem Schicksal zu entgehen, vielleicht einen Partnerwechsel, vielleicht eine Adoption. Und davon zu reden, dass ein sich Kinder wünschendes Paar (k)ein "Recht auf ein Kind" habe, hätte damals nur als grober Unfug erscheinen können - und ist es auch heute.

Es geht einzig um das Recht bzw. die ökonomischen Möglichkeiten für die Nutzung der Hilfen durch Ärzte der spezialisierten medizinischen Fachrichtung "Fortpflanzungsmedizin", u.a. mit den Verfahren der "künstlichen Befruchtung". Die Krankheiten in dieser Reproduktionsmedizin heißen allerdings generell Fortpflanzungsstörungen, nicht Fortpflanzungskrankheiten. Darin kommt sinnfällig zum Ausdruck, dass es insbesondere auch um das enge Zusammenwirkens zweier Menschen geht und das Fortpflanzungsgeschehen wie dessen krankhafte Störungen - von der molekularen, zellulären usw. bis zur psychischen Ebene – äußerst vielschichtig sind. Insbesondere hier in der Fortpflanzungsmedizin ist das moderne, den Menschen ganzheitlich als biotisch-psychisch-soziales Wesen betrachtende Krankheitskonzept unverzichtbar.

Da ist es schon verwunderlich, wenn – was sich jetzt nicht direkt auf Herrn Professor Hoppe bezieht – mit solchen realitätsfremden Banalitäten wie "Kinderlosigkeit ist keine Krankheit" oder "Es gibt kein Recht auf ein (gesundes) Kind" Gesundheitspolitik betrieben wird.

Uwe Körner, Berlin

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Kompromissvorschlag wieder zurückgezogen

Kaum verkündet, ist der Kompromiss zur Pflegeausbildung auch schon wieder vom Tisch. Die genauen Gründe sind unklar. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »