Ärzte Zeitung online, 02.03.2009

Heidelberger Mediziner erforscht das Geheimnis langer Ehen

HEIDELBERG (dpa). Knapp 187 000 Ehen sind 2007 in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geschieden worden. Manche Scheidungskriege hätten sich allerdings nach Meinung des Heidelberger Arztes, Psychotherapeuten und Buchautoren Arnold Retzer vermeiden lassen können, wenn die Paare einfache Spielregeln der Liebe und Partnerschaft beachtet hätten.

"Mit jeder Hochzeit heiratet man ein paar unlösbare Probleme. Wenn ein Partner diese lösen möchte, hat die Partnerschaft schon einen Knacks", sagt der 56 Jahre alte Privatdozent von der Universität Heidelberg. Nüchtern analysiert er meist zu Beginn von Sitzungen zur Paartherapie, dass sich Streitereien oft wegen banalen Dingen wie falsch ausgedrückten Zahnpastatuben entzünden und kriegsähnliche Zustände auslösen. Dabei wird jede Macke gegeneinander ausgespielt.

"Männer und Frauen passen eigentlich nicht zusammen. Dies ist aber die Chance jeder Beziehung, wenn akzeptiert wird, dass eine gute Ehe oder Partnerschaft nicht aus völliger Harmonie besteht, sondern auch aus Widerspruch und Unterschieden", sagt Retzer. So gebe es zum Beispiel Paare, die völlig unterschiedlich sind und dennoch ein erfülltes Eheleben führen. Weil sie sich nicht gegenseitig ändern wollten, sich dafür aber respektieren und auch zum Lachen bringen.

"Deshalb frage ich Paare beim ersten Kontakt, wann sie zuletzt übereinander gelacht haben, da sichtbarer Humor implizit ein Beleg von Milde ist", sagt der seit 21 Jahren verheiratete dreifache Familienvater. Gegenseitige Liebe und Respekt entstünden auch dann, wenn ein Paar Informationen über Erlebtes, den Beruf oder das Privatleben miteinander teilen.

Problematisch können für jede Beziehung jedoch Verletzungen, Kränkungen, Untreue und Affären sein, bei denen betroffene Paare immer wieder der überbewerteten Idee der Gerechtigkeit und dem Ausgleich nachhingen. "Aber wie soll beispielsweise der Seitensprung eines Partners wieder gutgemacht werden? Darf ein gehörnter Ehemann seine Frau nun einmal oder gar mit fünf Frauen betrügen, damit wieder Gleichstand herrscht? Oder ist eine hohe Geldsumme oder ein Geschenk zu leisten, damit man wieder zueinander findet?", fragt Retzer und hat sofort eine Antwort: Gerechtigkeit sei eine Konstruktion der Mathematik und damit für das Paarleben unbrauchbar, da ein übertriebener Gerechtigkeitsanspruch eher zu Rachefeldzügen als zu einer Intensivierung des Liebesglücks führten.

Die Alternative seien altbewährte Methoden von erfahrenen Ehepaaren, die einander ihre Fehler unausgesprochen verzeihen und Ansprüche aufgeben, die man an den anderen hat. So könne es von Vorteil sein, wenn die Partner die Gnade des Vergessens praktizierten und auf unnötige Ratgeberbücher verzichteten, da beide sonst verzweifeln, wenn sie alle dort aufgeführten Dinge im Leben umsetzen wollten. Deshalb ist Retzer auch nach unzähligen Paargesprächen und Studien sicher, dass sich Paare auf Gemeinsamkeiten konzentrieren und trotzdem Widersprüche zulassen müssten. "Es kommt letztlich nicht darauf an, sich zu vertragen, sondern sich zu ertragen. Ein Arrangement, das auch als resignative Reife bezeichnet werden kann."

Deshalb spricht Retzer auch gerne vom "Wunder der Ehe", das es weiter wissenschaftlich zu untersuchen gelte. Denn trotz der bekannten Scheidungszahlen habe es in der Menschheitsgeschichte noch nie so viele Menschen so lange mit ein und demselben Partner gegeben. Dabei spielten immer wieder positive Illusionen eine besondere Rolle für glücklich eingeschätzte, lang andauernde Ehen.

Am besten werde dies im Statement einer Studienteilnehmerin deutlich: "Als ich zugenommen hatte, hat er gesagt, er mag dicke Frauen. Als ich wieder abgenommen habe, hat er gesagt, er mag schlanke Frauen. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass er mich liebt."

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