Ärzte Zeitung online, 09.03.2009

"Der Trend, den eigenen Körper zu optimieren, wird andauern"

LANDAU (dpa). Eine Pille gegen Prüfungsstress oder größere Lippen per Operation: Der Trend, die eigene Leistungsfähigkeit und Schönheit mit Hilfsmitteln zu steigern, wird nach Ansicht des Landauer Soziologen Reiner Keller weiter andauern.

"Gerade im Berufsleben werden die Anforderungen in unserer Wissensgesellschaft immer höher. Leistungsfähigkeit, aber auch Aussehen spielen dabei eine wachsende Rolle", sagte der Professor der Universität Koblenz-Landau in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Als Beispiel nannte Keller neben Schönheitsoperationen den Einsatz von Medikamenten als "Alltagsdoping". Mit dem Stimulanzmittel Ritalin werden hyperaktive Kinder behandelt. "Mittlerweile nehmen es aber auch Studenten beziehungsweise Erwachsene, die damit zum Beispiel vor einer Prüfung oder einem wichtigen Arbeitstermin ihre Leistungsfähigkeit erhöhen wollen."

Immer mehr Dinge, die vor einigen Jahrzehnten noch als gesund oder normal gegolten hätten, würden heute zunehmend als krankhaft oder behandlungsbedürftig angesehen, sagte Keller. So werde die Pille gegen Schüchternheit und Redeangst genauso kommen wie die Pille, die einen bestimmte traumatische - und vielleicht auch nur unangenehme - Dinge vergessen lasse. Außerdem werde der Kampf gegen das Altern, das Anti-Aging, immer früher beginnen.

Für diesen Trend verantwortlich sind nach Einschätzung Kellers eine ganze Reihe von Faktoren. "Das sind nicht einfach nur die Medizin und die Pharmaindustrie oder Teile der Medien, die dahinterstecken." Das Ideal des andauernden Jungseins und das Recht, mit dem eigenen Körper zu machen, was man wolle, werde zum Beispiel auch in der Pop- und Alternativkultur schon immer propagiert.

Keller betonte, der Wunsch den eigenen Körper zu verbessern, sei nicht prinzipiell zu verteufeln. Eine Schönheitsoperation etwa könne für den einzelnen Menschen auch etwas Befreiendes haben, wenn er unter einem Körpermerkmal gelitten habe. Es dürfe nur kein gesellschaftlicher Zwang entstehen, mitzumachen. "Man muss die Möglichkeit haben, sich dieser Entwicklung auch zu entziehen. Wenn es zur Norm wird, seinen Körper zu optimieren, dann wird das Ganze problematisch."

Lesen Sie dazu auch:
DAK warnt vor "Doping im Büro"
Schamlippenreduktion - Danach muss mit taktilen Störungen gerechnet werden

Topics
Schlagworte
Panorama (30353)
Organisationen
DAK (1484)
Krankheiten
Kontrazeption (982)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zeit für aggressive Maßnahmen

Viel Geschwätz, wenig Taten: Zeit für aggressive Weichenstellungen in der Diabetes-Prävention, meinen Fachleute. Sie fordern die Lebensmittel-Ampel und Steuern auf ungesunde Produkte. mehr »

Beim Thema Luftschadstoffe scheiden sich die Geister

Gesundheitliche Gefahren von Luftverschmutzung sehen Pneumologen vorrangig als ihr Thema an. Doch die Meinung der Fachärzte darüber ist nicht einhellig. Das zeigt sich auch im Vorfeld ihrer Fachtagung. mehr »

Patienten vertrauen auf Online-Bewertungen

In welche Praxis soll ich gehen? Ihre Entscheidung fällen Patienten zunehmend anhand von Online-Bewertungen – eine Chance für Ärzte, so eine neue Studie. mehr »