Ärzte Zeitung, 24.03.2009

Tatort Museum: Rechtsmedizin sucht Spuren

Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité begibt sich auf Spurensuche. Was ist dran am Fernseh-Mythos des Rechtsmediziners?

Von Angela Mißlbeck

Wer hat Anna R. in ihrer Wohnung getötet? Die Ausstellung nimmt den Besucher mit auf Spurensuche.

Foto: ami

Eine Hand ragt aus dem blutigen Laken auf dem Teppich. Rund herum stecken Nummernkärtchen der Spurensicherung. Auf einem silbernen Arbeitskoffer liegt ein Tatortthermometer. Das braucht der Rechtsmediziner, um die Todeszeit mittels der Rektaltemperatur zu bestimmen.

Mit dieser Szenerie empfängt die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" die Besucher. Am konstruierten Fall der Anna R. macht das Berliner Medizinhistorische Museum nachvollziehbar, was Rechtsmediziner der Reihe nach tun, um zur Aufklärung eines Todesfalls beizutragen. Die Ausstellungsbesucher begleiten sie vom Tatort über den Sektionssaal und das Labor bis vor Gericht. Nicht nur ihre Instrumente und ihre Arbeitsumgebung einschließlich eines echten Sektionstisches sind zu sehen, sondern auch diverse Tatwaffen mit Blutspuren aus der Asservatenkammer des Landgerichts Berlin.

Realer Eindruck ohne den Glamour der TV-Welt

Kleine Schrifttafeln erzählen die Geschichte: Anna R. wurde in ihrer Wohnung überfallen und mit einem Kerzenständer erschlagen. Ein Stift mit Fingerabdrücken und fremde Haare liefern DNA-Spuren. Sie stammen von einem vorbestraften Räuber, der überführt wird. Ohne die rechtsmedizinischen Untersuchungen wäre das nicht gelungen. Doch die Ermittlungen der Forensiker laufen etwas anders ab, als es diverse Fernsehkrimis immer wieder zeigen.

"Eines steht fest: unser Arbeitsalltag ist wesentlich facettenreicher als der unserer Fernsehkollegen", schreibt der Berliner Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos in der Einleitung zum Ausstellungsband. Er hatte die Idee zu der Ausstellung. Der Chef der Rechtsmedizinischen Institute der Charité Unikliniken Berlin will zeigen, wie Rechtsmediziner tatsächlich arbeiten. "Unser Wunsch ist es, einen realen Eindruck der Rechtsmedizin zu geben, fernab vom Glamour der Fernsehwelt", sagt Tsokos bei der Ausstellungseröffnung.

Dazu leistet eine Fotoserie einen wichtigen Beitrag. Der Fotograf Patrik Budenz hat Berliner Rechtsmediziner zwei Jahre lang bei der Arbeit begleitet. Seine Bilder sind nicht nur in der Ausstellung zu sehen, sie illustrieren auch den Begleitband.

Für alle Fälle gerüstet: Arbeitsgeräte der Rechtsmediziner.

Foto: ami

Systematischen Einblick in die Arbeit der Forensiker erhalten die Besucher im zweiten Teil der Ausstellung. Dort geht es um verschiedene Todesursachen und ihre Bestimmung. Vom Erhängen, Verbrennen, Vergiften, Ersticken, Ertrinken und Stromschlag über Messerstiche und Schüsse bis hin zum Schädel-Hirntrauma wird hier eines klar: Mord und Tötungsdelikte sind nur ein kleiner Teil der Arbeit der Rechtsmediziner. Auch bei tödlichen Unfällen und bei Suiziden leisten sie ihren wichtigen Beitrag zur Aufklärung, am Tatort, am Sektionstisch und im Labor.

Authentische Objekte von echten Fällen

Für jede einzelne Todesart schildert die Ausstellung auf einem stilisierten Sektionstisch einen speziellen, echten Fall. Dazu gibt es Informationen über Häufigkeit und Ablauf der Todesart und über die Methoden zur Ursachenklärung. Außerdem gibt es Objekte aus dem echten Fall, anatomische Modelle und pathologische Präparate. "Wir haben bewusst darauf verzichtet, zu schockieren oder mit Gruseleffekten zu arbeiten", so Tsokos. Er räumt aber ein, dass vieles "jenseits der Vorstellungskraft der meisten Menschen liegt".

Ein PKW explodiert bei voller Fahrt. Er brennt vollständig aus. Auf der Rückbank findet sich eine fast skelettierte Leiche. Die Identität des Toten wird durch einen Vergleich seines Zahnstatus mit dem des Fahrzeughalters nachgewiesen. So erzeugt die Ausstellung bei aller Aufklärungsarbeit auch Authentizität.

Die Ausstellung ist im Medizinhistorischen Museum der Charité bis zum 13. September 2009 Dienstags bis Sonntags von 10 bis 17 Uhr und Montags und Samstags bis 19 Uhr geöffnet. Internet: www.bmm.charite.de

Rechtsmedizin

Rechtsmediziner absolvieren nach dem Medizinstudium eine mindestens fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Rechtsmedizin, davon je ein halbes Jahr in der Pathologie und in der Psychiatrie. Der bekannteste Zweig der Rechtsmedizin ist die forensische Pathologie. Dort befasst sich der Mediziner mit ungeklärten, nicht natürlichen Todesfällen. Rechtsmediziner sind auch klinisch tätig: Sie dokumentieren zum Beispiel die Verletzungen von Opfern und Tätern bei Straftaten oder sind Gutachter vor Gericht. (ami)

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