Ärzte Zeitung online, 13.03.2009

Ärzte als Täter: Jüdisches Museum beleuchtet Krankenmorde der Nazis

BERLIN (dpa). Wenn Helmut Bader über den grausamen Tod seines Vaters spricht, bleibt er sehr sachlich. Vielleicht kann der betagte Herr aus Schwaben es Fremden nicht anders erklären, was damals geschah, im Sommer 1940. Er war noch ein Junge, als Ärzte seinen Vater, den Schuhmachermeister, auf Anweisung des deutschen Staates ermordeten.

Und das nur, weil er nach einer schweren Grippe ein Bein nachzog und am linken Arm eine Schüttellähmung hatte. Es sind solche Schicksale, die die neue Ausstellung "Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus" im Jüdischen Museum Berlin sehenswert machen. Denn bisher ließen sich die tausendfachen Krankenmorde in der NS-Zeit meist nur aus einer Quelle belegen: Den geschönten Akten der Täter.

Es ist kein neues Kapitel der NS-Forschung, das für das Museum aufbereitet wurde. Doch es ist eines, das nach Meinung von Programmdirektorin Cilly Kugelmann seit den Diskussionen in den 1970er Jahren etwas in Vergessenheit geraten ist. Besonders für Schüler will das Museum deshalb den Rassismus in der Nazi-Zeit dokumentieren. Dabei geht die Schau bis zu den Wurzeln der internationalen Erbgutforschung um 1900 zurück und spannt den Bogen bis zum Mord an 300 000 Behinderten in Nazi-Deutschland und den besetzten Gebieten.

Konzipiert wurde die Ausstellung ursprünglich vom Holocaust Memorial Museum in den USA. Doch die plakative Inszenierung mit gekachelten Klinikräumen und nachgebauten Gaskammern hat das Jüdische Museum bewusst nicht übernommen. Wie zuvor schon in Dresden ist es eine leise, zurückhaltende Schau, in der sich Besucher lesend immer weiter an die Gräueltaten von NS-Behörden und Ärzten herantasten.

Neu in der Ausstellung sind Dokumente, die Verbrechen der Medizin in Berlin und Brandenburg dokumentieren. Ein Foto zeigt das Gebäude einer "Kinderfachabteilung". Das Wort beschönigt, dass Ärzte hier behinderte Kinder mit einer Überdosis Medikamente vergifteten. Museums-Projektleiterin Margret Kampmeyer ist es ein Rätsel, warum sich so viele Mediziner freiwillig am organisierten Mord ihrer Patienten beteiligten. "Widerstand von Ärzten ist nicht belegt", sagt sie. Proteste gegen das plötzliche Verschwinden von Behinderten gab es nur von ihren Familien - oder vereinzelt von Seiten der Kirche.

Im Jüdischen Museum laufen Besucher an Plakaten vorbei, die "minderwertige" Menschen als Monster darstellen, die Gesunde erdrücken. An den Wänden hängen Fotos von Zwangssterilisationen bei jungen Frauen und Männern. So sollte nach der NS-Logik "erbkranker" Nachwuchs verhindert werden. Unter den 400 000 Opfern der Sterilisationen waren aber auch Blinde, Gehörlose, Alkoholiker - oder Kinder von Eltern unterschiedlicher Hautfarbe.

Besucher der Ausstellung erfahren auch, dass die tausendfachen Krankenmorde nicht nur einen rassistischen, sondern auch einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund hatten. Sie sollten Unterbringungs- und Verpflegungskosten sparen. Je weniger ein Mensch arbeiten konnte, desto eher vermerkten Ärzte ein Pluszeichen auf seiner Meldeakte - und Plus bedeutete Tod. Am Leben blieben Behinderte, die Ärzten für medizinische Experimente interessant erschienen. Doch auch diese Versuche konnten tödlich enden.

Programmdirektorin Kugelmann ist heute überzeugt, dass die Krankenmorde Auftakt und "Generalprobe" für den Holocaust waren. Ein Film der Ausstellung zeigt, wie deutsche Ärzte in Russland das Vergasen von Menschen an psychisch Kranken erproben. In der Nachkriegszeit gab es wegen solcher Verbrechen nur ganz wenige Prozesse. Viele Mediziner machten einfach weiter Karriere.

Helmut Bader ist von seinem Vater, dem Schuhmachermeister, weit mehr geblieben als eine geschönte NS-Akte, die als Todesursache "Hirnschlag" vermerkt. Er hat das Werkzeug seines Vaters aufgehoben, seine Briefe an die Mutter gesammelt und seine Tagebücher aufbewahrt. Alles ist nun im Museum zu sehen - und es entsteht das Bild eines lebensfrohen Familienvaters. Daneben liegt der "Trostbrief" der NS-Bürokratie. Sie teilt am 26. Juni 1940 mit, dass der Tod bei einer schweren Erbkrankheit Erlösung bedeute.

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