Ärzte Zeitung online, 16.03.2009

Heldenhafte Lehrer bei Amoklauf - Motiv des Amokläufers weiter unklar

WINNENDEN (dpa). Sie waren selbst verletzt und schützten dennoch ihre Schüler vor dem Amokläufer: Wie Helden verhielten sich die Lehrer der Albertville-Realschule in Winnenden bei der Bluttat. "Sie haben - obwohl manche schon verletzt waren - die Schüler rechtzeitig in Sicherheit gebracht und haben bei den Schülern für Ruhe gesorgt", sagte der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl am Sonntag.

Sie hätten "heldenhaft reagiert". Das Motiv von Tim K., der am vergangenen Mittwoch 15 Menschen erschoss und sich anschließend selbst richtete, liegt weiter im Dunkeln. Ein möglicher Hinweis: Die Polizei fand auf dem PC des 17-Jährigen Killerspiele und Gewaltpornos. Die Eltern bestreiten, dass ihr Sohn in psychotherapeutischer Behandlung war.

Die Trauer lag auch am Wochenende wie ein schwerer Schleier über Winnenden: Als erstes der Opfer wurde am Samstag unter großer Anteilnahme ein 16-jähriges Mädchen beigesetzt. Mit Blumen, Kerzen und Briefen gedachten viele Menschen auch an der Schule der Toten, Gläubige suchten in den Kirchen Trost.

Die politische Debatte über die Konsequenzen aus dem Massaker hielt an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plädierte für bessere Kontrollen von Waffenbesitzern. "Wir müssen alles tun, um zu schauen, dass Kinder nicht an Waffen kommen", sagte Merkel am Sonntag im Deutschlandfunk. Politiker von SPD und Grünen forderten eine Verschärfung des Waffenrechts. Bundespräsident Horst Köhler regte eine Debatte über den Zusammenhalt in der Gesellschaft an. Bundesjugendministerin Ursula von der Leyen (CDU) warb für Ausgaben für Schule und Bildung. Das Unterlassen von Bildungsinvestitionen "schlägt brutal zurück - etwa durch Jugendkriminalität und Jugendarbeitslosigkeit", sagte sie der "Kölnischen Rundschau" (Montag).

Die Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden können von diesem Montag an freiwillig zum Unterricht in Gemeinde- und Sporthallen gehen. Der leitende Schuldirektor beim Regierungspräsidium Stuttgart, Wolfgang Schiele, sagte, dabei bestehe auch Gelegenheit zur Trauerarbeit. Bei kommenden Prüfungen soll es individuelle Lösungen geben. Über einige der 15 Opfer sind weitere erschütternde Details bekannt geworden. So starb eine Mathe- und Physiklehrerin, die einen Polizisten im Mai kirchlich heiraten wollte, wie Medien berichteten. Besonders tragisch: Ihr Ehemann hörte während des Einsatzes über Funk vom Tod seiner Frau.

Auch eine Referendarin kam im Kugelhagel um. Die Frau engagierte sich in ihrer Freizeit bei dem Verein Lebenshilfe für geistig behinderte Menschen, wie "Der Spiegel" berichtete. Eine weitere Referendarin (24) starb nach Medienberichten, als sie sich vor einen Schüler stellte. Das am Samstag beigesetzte Mädchen wurde in der 10 d erschossen - der Täter Tim K. löschte hier fast ein Viertel der Klasse aus, schreibt die "Bild am Sonntag". Zahlreiche Menschen gaben der Zehntklässlerin am Samstag das letzte Geleit. Unter ihnen waren auch Mitschüler, die den Tod des Mädchens mitsehen mussten. In der "BamS" fasste ein Schüler die Stimmung in Winnenden so zusammen: "Der 11. März ist unser 11. September."

Dem Magazin "Der Spiegel" zufolge hat Tim K. wenige Stunden vor dem Amoklauf Killerspiele im Internet gespielt. Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigten dies nicht. Sie berichteten aber, sie hätten neben Killerspielen auch eine Menge Pornobilder von nackten und gefesselten Frauen auf dem PC des Todesschützen gefunden.

Von diesem PC aus hatte Tim K. - so hatten es die Ermittler zumindest zunächst verbreitet - eine Ankündigung für den Amoklauf geschrieben. Später ruderte die Polizei zurück: Es seien dafür keine Beweise auf dem Computer des Täters gefunden worden. Der Betreiber der betroffenen Internetseite erhob am Sonntag Vorwürfe gegen die Ermittler.

"Warum man erst umständlich um ein Hilfegesuch in den USA nach den Daten des Betreibers bat, ist uns unverständlich, eine einfache Mail an uns hätte genügt", teilte ein Moderator des Forums krautchan.net der dpa mit. So seien die Ermittlungen verzögert worden. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) verlangte mehr Geld für eine bessere Internet-Kompetenz bei der Polizei. BDK-Vorsitzender Klaus Jansen erklärte: "Von 260 000 Polizisten in Deutschland ist nur ein Prozent für die Herausforderungen durch das Internet gewappnet."

Derweil stehen widersprüchliche Aussagen dazu im Raum, ob Tim K. in psychotherapeutischer Behandlung war. Die Behörden und ein Mediziner bestätigten dies, die Eltern des Todesschützen dementieren. Die Ermittler sprachen am Samstag von mehreren Besuchen des 17-Jährigen in einer psychiatrischen Spezialklinik 2008. Dagegen ließen die Eltern über ihren Anwalt im Magazin "Focus" erklären, ihr Sohn sei nicht psychotherapeutisch behandelt worden.

In der "Bild am Sonntag" erwog der Familienanwalt Achim Bächle rechtliche Schritte gegen den Leiter des Klinikums Weissenhof in Weinsberg, Matthias Michel, wegen Verletzung des Arztgeheimnisses. Michel hatte fünf Termine des 17-Jährigen zur ambulanten Behandlung in seiner Klinik bestätigt.

Hintergrund der Diskussion über den psychischen Zustand von Tim K. könnten eventuelle strafrechtliche Folgen für den Vater des Täters sein. Dem Sportschützen drohen möglicherweise Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, weil er die Tatwaffe im Schlafzimmer liegen ließ, anstatt sie sicher im Tresor zu verwahren.

Nach einem Zeitungsbericht hat der Amokläufer nicht im Schützenverein seines Vaters trainiert. "Der Jugendliche hat nur ein Mal im Oktober 2008 auf der Pistolenschießbahn im Beisein des Vaters mit dessen Neun-Millimeter-Pistole geschossen", sagte Detlef Lindacher, Vorstandsvorsitzender des Schützenvereins SSV Leutenbach, den "Stuttgarter Nachrichten" (Montag). Drei Wochen vor der Bluttat wollen Zeugen den 17-Jährigen dann mit einer großkalibrigen Waffe auf der Schießbahn gesehen haben. Der entsprechende Eintrag im Schießbuch fehle.

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