Ärzte Zeitung online, 18.03.2009

Drei weitere Beerdigungen nach Amoklauf - landesweite Gedenkminute

LEUTENBACH/BACKNANG (dpa). Eine Woche nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen werden am heutigen Mittwoch drei weitere Opfer zu Grabe getragen. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) rief zudem für 10.00 Uhr zu einer landesweiten Gedenkminute auf.

Neben zahlreichen Institutionen, Behörden und kulturellen Einrichtungen wollen sich auch Unternehmen beteiligen. So stoppt Autobauer Daimler die Produktion, damit die Mitarbeiter Gelegenheit zum Gedenken haben. In Stuttgart wird der Landtag zu Beginn seiner Sitzung der Opfer des Amoklaufs gedenken. Das SWR Fernsehen ändert sein Programm und wird von 9.55 Uhr an live aus dem Plenarsaal berichten.

Auf dem Friedhof in Leutenbach-Weiler zum Stein (Rems-Murr-Kreis) werden zwei weitere Schülerinnen beigesetzt, auf dem Waldfriedhof in Backnang am Mittag eine ihrer Lehrerinnen. Parallel laufen die Vorbereitungen zu der zentralen Trauerfeier an diesem Samstag (21.3.). Details dazu wollen das Land und die Stadt Winnenden am Vormittag bekannt geben. Bis zu 100 000 Gäste werden erwartet - darunter Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

In Stuttgart muss sich unterdessen der erste mutmaßliche Trittbrettfahrer vor Gericht verantworten. Der 25 Jahre alte Arbeitslose hat laut Anklage im Internet einen Amoklauf in einer Waiblinger Berufsschule angekündigt. Der Nachahmungstäter wurde am vergangenen Freitag gefasst. Mehrere Trittbrettfahrer verbreiteten seit dem Amoklauf mit ihren Drohungen Angst und Schrecken.

Auch der Bundestag befasst sich mit der Bluttat. In einer Aktuellen Stunde sollen die Folgen unter dem Titel "Kinder, Jugendliche, Familien stärken - Konsequenzen nach dem Amoklauf" diskutiert werden.

Am Dienstag hatte die Familie des Amokläufers Tim K. erstmals den Opfern ihr Mitgefühl ausgesprochen. Unmittelbar nach der Tat des 17 Jahre alten Todesschützen hatten sie den Heimatort Leutenbach verlassen. In einem offenen Brief, der vom Anwalt der in dem Schreiben genannten "Familie Kretschmer" aus Leutenbach am Dienstagnachmittag in Stuttgart verbreitet wurde, hieß es nun: "Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders, genommen. (...) Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. (...) Alle unsere Gedanken sind auch bei den körperlich und seelisch Verletzten."

Am Dienstag waren - erneut unter großer Anteilnahme von Schülern, Kollegen, Freunden und Angehörigen - zwei Lehrerinnen und ein Schüler beigesetzt worden, die von dem Amokläufer erschossen worden waren.

Tim K. hatte an seiner ehemaligen Schule insgesamt neun Schüler und drei Lehrerinnen getötet. Auf der Flucht erschoss er einen weiteren Mann, nach einer Irrfahrt mit einer Geisel in Wendlingen (Kreis Esslingen) noch zwei Männer und schließlich sich selbst. Für den Amoklauf benutzte er eine Waffe seines Vaters, die frei verfügbar im Schlafzimmer der Eltern lag. Gegen den Vater wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen eingeleitet.

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