Ärzte Zeitung online, 19.03.2009

Urteil gegen Josef Fritzl erwartet - Angeklagter ist suizidgefährdet

ST. PÖLTEN (dpa). Im Inzest-Prozess vor dem Schwurgericht St. Pölten wird am heutigen Donnerstag das Urteil gegen Josef Fritzl erwartet. Dem 73-Jährigen, der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in seinem fensterlosen Kellerverlies als Gefangene hielt und sie immer wieder vergewaltigte, droht eine lebenslange Haftstrafe.

Fritzl hatte sich am Mittwoch überraschend in allen Punkten der Anklage schuldig bekannt, darunter auch des Mordes durch unterlassene Hilfeleistung an einem seiner sieben mit der Tochter gezeugten Kinder (wie berichtet). Das Urteil wird nach gerade einmal vier Verhandlungstagen am Nachmittag erwartet.

Eine Gerichtsgutachterin hatte Fritzl am Mittwoch volle Zurechnungs- und Schuldfähigkeit für den gesamten Tatzeitraum bescheinigt. Sie empfahl dem aus acht Schöffen und drei Berufsrichtern bestehenden Schwurgericht, Fritzl wegen seiner gestörten und gewalttätigen Persönlichkeit in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen.

Angesichts des jüngsten Prozessverlaufs hält die Gutachterin Fritzl für selbstmordgefährdet. In den ORF-Fernsehnachrichten sagte Adelheit Kastner am Mittwochabend, durch die insgesamt elfstündigen Aussagen seiner Tochter Elisabeth sei bei dem Inzesttäter "sicher der Moment gekommen, wo das (von ihm aufgebaute) Kartenhaus eingestürzt ist". Fritzl werde mit der jetzt offenbar gewordenen Realität nur "schlecht leben" können.

Wenige Stunden nach dem Abschluss der auf Video aufgezeichneten Vernehmung, in deren Verlauf seine Tochter ihn schwer belastet hatte, gab Fritzl am Mittwochmorgen im Gericht seinen Widerstand auf und bekannte sich in allen Anklagepunkten für schuldig. Bis dahin hatte er Mord und den Vorwurf der Sklaverei von sich gewiesen. Berichte, wonach Elisabeth Fritzl, die inzwischen ihre Identität geändert hat, sich am Dienstag im Schwurgerichtssaal von St. Pölten aufgehalten haben soll, wurden von der Gerichtsleitung und von Fritzls Verteidiger nicht dementiert.

Im Falle einer lebenslangen Freiheitsstrafe muss Fritzl mindestens 15 Jahre absitzen. Sollte er wegen Sklaverei verurteilt werden, drohen ihm nach geltendem österreichischem Recht etwa zehn Jahre Haft.

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